die taktung unserer depressionen

Schreib mir etwas Schönes. Sei schön. Unter dem blassen Dunst an Wolken erscheint die Sonne nur als heller, abgeschlossener Kreis und strahlt nicht. Es fehlt dieses Leuchten, wofür die Sonne bekannt ist. Es fehlt diese Bitte nach Aufmerksamkeit, während es doch nur an ihr liegt, all die Dinge – all die Dinge, die wir wichtig nennen, sichtbar zu machen. Wahrnehmung z.B., ist ein schönes Wort. Es bedeutet die Möglichkeit, Wahres von den Dingen zu nehmen, die auf uns wirken. Unter dem blassen Dunst an Wolken, verschwindet die Sonne langsam – nur das Licht bleibt. Es gibt also auch an dunklen Tagen zumindest die Ahnung einer Sonne – das ist gut. Das ist etwas Schönes. Ich denke, es ist einfach, sich diesem Momenten Licht hinzugeben – es ist einfach, ein bisschen so zu tun, als wäre es hell. Ich stehe am Tor zur Hölle – es ist nur ein Raum voller Menschen aber ich nenne es gerne Hölle, weil potenziell jeder das eine oder andere schlimme Gefühl in mir auslösen könnte. Ich bin froh, wenn ich mir die Person, der diese Ehre zu Teil werden soll, selbst aussuchen kann. Entschuldigung – würdest du kurz meine Seele halten? Ich denke, jede meiner Bewegungen in diesem Raum ist eine Zumutung – jede Bewegung ist ein Raumnehmen gegen den Raum des Anderen. Entschuldigung. Tut mir leid – will ich sagen, es ist meine Lieblingsfloskel – tut mir leid, dass ich hier bin und furchtbar anstrengend. Ich denke, man kann sich nicht oft genug für das eigene Dasein entschuldigen. Unter dem blassen Dunst an Zigarettenrauch erscheinen die Individuen als verschwommene, abgeschlossene Kreise und strahlen nicht. Wir müssen uns nicht sehen – es reicht die Ahnung, kurze Kenntnisnahme – jeder Form von ungünstiger Lichtsituation ist dem Zwischenmenschlichen Hin und Her nur förderlich. Ich versuche, eine Position zu finden, in welcher ich meinen Körper nicht spüre – der Kopf kann ja auch erotisch sein. Diese unglaubliche Dehnung eines Muskels, der wirklich keine Übung braucht – der einfach funktioniert, wenn ich es will. Die Idee ist leben. Ich brauche kurz diese Hoffnung, dass sich dort vorne – dort in diesem Ort, den wir Leben nennen, dass ich dort alles entladen kann – dort alles abstellen und liegen lassen kann. Schreib mir etwas Schönes. Ein Gedicht z.B. oder einen Haiku oder nur ein paar Zeilen oder ein gutes Wort oder das irgendwo dort vorne, irgendwo in diesem Ort, den wir Leben nenne, dass irgendwo dort auch wirklich Leben ist.

die taktung unserer depressionen

irgendwann werden wir alle verschwunden sein

Dann schaue ich ihn an, wie er so ganz zu verschwinden droht unter dem dicken Pullover und dem Schal, der auch eine Decke sein könnte – wie er sich ganz in diese Stoffe hüllt und ich wäre gerne sein Pullover – ihn einfach ganz umschließen, ihn mit meinem Sein umschließen, wärmen – ihn darin verschwinden lassen. Könnte John in mir verschwinden? Darüber verliere ich kein Wort, während wir uns anstarren von der einen Wand zu anderen – ich wünschte, er würde mir auch eine Zigarette drehen aber er dreht nur sich selbst eine und er hat den Platz am Fenster also kann er rauchen, während ich nur den Platz an der Tür habe. Manchmal nimmt deine Abwesenheit in mir sehr viel Raum ein – manchmal will ich mich vollkommen umstülpen, von Innen nach Außen – einfach um da-zu-sein. Ich würde dir so gerne mein ganzes Dasein vor die Füße kotzen. Ich hatte schon vor einer Weile beschlossen, nicht mehr zu sprechen, also ist es sehr ruhig, seit die Playlist zu Ende ist. Der letzte Song war Do you know what I mean von Oasis – was wirklich kein guter letzter Song ist. An diesem Gedanken halte ich mich eine Weile auf und bilde mir ein, ich könne nicht gehen, so lange dieser letzte Song noch im Raum steht – das passt einfach nicht und rückt das ganze Szenario in eine seltsame Aura von Bestimmung. Ich denke, John würde sehr genervt schauen, wenn ich das jetzt ausspreche – er ist schon sehr genervt von mir und meinem Vorwurf, er würde mir nicht zuhören und ich bin erstaunt über mich selbst, weil ich eigentlich keine Vorwürfe mache – es ist also im Allgemeinen kein guter Abend, um in Gesellschaft zu sein. Ich hätte lieber sagen sollen: Ich will, dass du mich wahrnimmst. Das hätte es schon ganz auf den Punkt gebracht. Aber ich habe irgendwas Blödes gesagt und jetzt sage ich gar nichts mehr. Und ich denke, John würde ganz in mir verschwinden, wenn ich nur lange genug schweige – wenn ich lange genug nicht da bin, würde John und dieser ganze absurde Moment irgendwann in mir verschwinden. Ich kann mir diesen erheblichen Luxus, sich vollkommen zu öffnen, nicht leisten – und eigentlich ist es nur menschlich, dass wir uns gegenseitig nicht für einander interessieren – die Enden dieser Augenblicke, dieser Situationen und es kommt immer dazu, es kommt immer zu solchen Situationen, es ist letztlich immer ein Hin und Her zwischen diesen Situationen, die Enden dieser Augenblicke liegen immer in den Ecken, also in diesen Ecken sich gegenüber sitzend und irgendwo in mir drin. Und jede Beziehung endet irgendwo hier, in mir drin – ich muss Dinge immer zu Ende denken – sich anschweigend. John behauptet, ich bin zu extrem – und das stimmt schon. Er sagt, ich verlege mich in seine Worte – nur in diese, die mein eigenes Gefühl, unzureichend zu sein, unterstützen. Ich nenne ihn Psychologe. Meine Stimme ist jetzt sehr hoch und es soll irgendwie sarkastisch klingen – ich will sarkastisch sein. Das wollte ich auch, als ich behauptete, ich wäre froh, wenn die Menschheit so enden würde, wie es der neue Houellebecq Roman verspricht, dann hätte ich endlich einen legitimen Grund, mich umzubringen. John findet das nicht witzig. Ich mag es nicht, von ihm analysiert zu werden. Ich mag es nicht, wenn er die Augen schließt bei meinen langsamen Worten oder auch dann, wenn ich nichts sage und er einfach die Augen schließt und es immer so einen Hauch von Verschwinden hat – er eingewickelt in seinem dicken Pullover mich wegschauend. Dabei hatte ich mich doch nur an einem Haar festgehalten – weißt du noch – nur an einem einzigen Haar und was kann ich denn dafür, dass dieses Haar zu dir geführt hat – was kann ich denn jetzt dafür? Ich könnte sagen, dass ich dich will, weil du mich schön zurück werfen kannst – so wie ich mich sehen will. Vielleicht. Oder dass mich jedes deiner nicht ausgesprochenen Worte so sehr wahnsinnig macht, dass ich mir etwas ins Herz rammen will – weil ich immer nur eine Sekunde davon entfernt bin, mir etwas ins Herz zu rammen, damit dieses furchtbare Ziehen in alle Richtung endlich zum Erliegen kommt. Aber das Wichtigste für uns Menschen ist, dass wir nichts von alledem je aussprechen – ich sitze also an der Tür und beiße mir die Lippen wund. Irgendwann endet auch diese Nacht. John wird fragen, ob ich mich beruhigt habe und ich werde nicken – ich habe mich jetzt beruhigt und er wird das gut finde. Ich bin ganz ruhig. Ich denke, wenn ich lange genug ruhig bin, werde ich irgendwann in mir verschwinden. Und John wird das gut finden.

irgendwann werden wir alle verschwunden sein

die schöne vorstellung von isolation

Ich hatte aus Versehen die Nase ganz ganz in die Scheibe gedrückt, weil ich nicht vergessen wollte, wie du gehst. Ich konnte dich gar nicht sehen – es war nur so eine Vermutung – wie hätte ich dich auch sehen können, ich habe dich ja nicht einmal wahrgenommen. Ich dachte, wenn du mir nur einiges über dich erzählen würdest, wenn ich das zulassen würde, dann würde das mit der Liebe schon von alleine kommen, irgendwie. Wenn du aufmerksam bist für meine besondere Begabung des Zuhörens – ich kann nämlich wirklich gut den Anschein erwecken, als würde ich zuhören – das kann ich wirklich gut und viel besser, als alle anderen. Ich kann wirklich gut Zuhören und dabei nur an mich denken. Ich habe es wirklich schon viele mal geprobt – also jeden Tag aufs Neue probe ich diesen einen Akt, z.B. wenn ich in der U-Bahn sitze oder auch so – es bieten sich ja doch zahlreiche Möglichkeiten, so zu tun als ob. Manchmal möchte ich, dass alle Menschen auf dieser Welt sich an die Hand nehmen und einmal tief einatmen, mit geschlossenen Augen um dann mit allen verschwunden zu sein. Ich musste neulich Erkundigungen einholen, ob Sie überhaupt noch in dieser Stadt verkehren. Mir wurde dies bejaht. Sie nun zu sehen, entzückt zugegebenermaßen die Seele und den Geist. Usw. Steigerung der Dynamik durch gezielten Farbauftrag dann – im ersten Moment noch statische Wirkung, aufbäumend. Der Reiz, Sie zu verlieren und wiederzufinden ist jedoch vorerst die Grundessenz dessen. Dann bin ich für den heutigen Abend wohl verloren, wie Sie im Kellerloch. Und der Mann sagte: (1) Mein größtes Problem ist die Gleichgültigkeit gegenüber der äußeren Welt. Im O-Ton waren ihre Zeiten abgelaufen. Dann verlieren Sie sich. Verschwinden Sie jedoch nie ganz aus dieser Stadt, ohne es mich wissen zu lassen. Sie sind immer noch bezaubernd. Auf ungewöhnlich vielen Ebenen. Nehmen Sie dieses Kompliment und verwahren es. Zuerst am Thron Gottes rütteln – dann am eigenen. Natürlich will niemand, der behauptet, allein sein zu wollen, wirklich je allein sein. Die kleine Fassade zu sein, so scheint es – haha – ist alles, was ich mir zuschreiben kann im gewagten – haha – Versuch aus dem Moment der zwielichtigen Selbstdarstellung aus-zu-treten … hinein in ein auf Wänden kriechen, sich krümmend vor den dunklen Stunden … davon zu schleichen – kaum mehr ein Ruf nach Aufmerksamkeit (natürlich!) – nur noch lähmende Sekunden Verharren in Gewohnheiten und ein von Vorahnung schweres Entleeren der Lungenflügel fragt sich, wo die Seele zu finden ist, im Rumpf, neben der Leber, vielleicht nur liebevolles Neuronenspiel. Das ist eine Kinderfrage … Vielleicht ein Ich jetzt erheben, die Enge dieser Worte eiligst verlassen. Nicht die Welt ist das Schreckliche usw. – Mag sein, dass ich in wenigen Augenblicken aus diesem Leben erwache und feststellen muss, dass jede Sekunde darin nicht mehr als nur ein irrwitziges Nachbild war (schöne, christliche Vorstellung oder platonisch – schöne, platonische Vorstellung) – ich denke, Hegel hat mich verdorben.

 

die schöne vorstellung von isolation

realität

Arbeitstitel: Traum

Prolog

Es blieb ein Nachgeschmack, als sie sich ausloggte und die Seite sich mit Werbebildern füllte. Sie hatte jeden Buchstaben einzeln zwischen ihren Zähnen und der Nachgeschmack in ihrer Brust: „Sehr Geehrte Frau…“ – Frau – Bedauern über die Mitteilung, sachlich unklar. Bis aufs Weitere – bis aufs Weitere. Weiter. Sie sog langsam die Luft ein. Sie musste das dem nachgehen. Sie hatte dem nachzugehen. Sie verließ die Werbebildchen. Sie verließ die „Sehr geehrte Frau“. Sie wusste wo hin.

Monolog

Leeres Blatt.

Leeres Blatt Papier.

Leeres Blatt Papier starrt mich an.

Durchzug. Es zieht durch. Unter meiner Hand leeres Blatt Papier im Zug.

Ich verlasse leeres Blatt Papier, schließe Fenster.

Fenster zu. Wieder bei dir, id est bei mir. Vor dem Blatt, darüber, kein Zug.

Die Tür hinter ihr schlug zu. Draußen traf sie nichts. Automatisch fiel ihr Blick. Auf die obersten Fenster. Fünfter Stock. Ende Altbau. Es brannte Licht. Ihr war noch nicht dunkel.

Zeitsprung

Sie war die Straße gegangen, der Weg hinunter war nicht weit aber es kam ihr wie eine Ewigkeit. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor kommt. Es kommt mir vor, als müsste ich gehen. Sie lief die Straße und die Straße hinunter war lang. Sie hatte eins zwei Worte noch auf eins zwei Lippen und sie konnte sie wörtlich die Worte aber es kam ihr lang vor die Nachricht. Sie hatte sie auf den Lippen sozusagen die Nachricht. Sie war noch immer auf der Straße, als sie einem begegnete unterwegs. Sie begegneten sich, aber sie musste die Straßenseite wechseln um ihm zu begegnen. Sie grüßten sich umgehend, musste schnell zum Wesentlichen kommen. „Sehr geehrte Frau“ und Bedauern über Mitteilung, über Verlust. Sie war beim Wesentlichen, es lag auf der Zunge, das Wesentliche. Das Wesen der Mitteilung. Sie teilte sich ihm mit. Er schüttelte Kopf vorübergehend. Das fachkundige Urteil lautete: Irrtum. Sie verbeugte sich großzügig davor. Im nächsten Schritt war sie auf dem Sprung und angekommen.

  1. Kapitel: Seminar

Kurze Erläuterung der räumlichen Situation durch Mauerschau.

Dem Raum fehlt etwas. Es ist nicht gleich klar, was? – aber es fehlt. Klar. Es sind vielleicht Stockwerke, sie sind nur halb so groß wie Stockwerke groß zu sein haben. Aber sie sind auch nicht klein. Nur einfach halb so groß. Vielleicht ist das Problem Folgendes: Der Raum war als ganzes ein Gebäude eingebettet in eine Fabrikhalle.

Sie war angekommen.

Ich bin die Wand entlang gelaufen. Es war wie eine Fabrikhalle, aber filigraner. Es gab Treppen, es gab schöne Treppen. Die Wände waren nicht nur kalt, sie hatten Raum, Tiefe. Durch die Lücken konnte ich Arbeiter sehen. Sie trugen große Stahlpfeiler – aber ich habe nicht lange genug hingeschaut. Ich hatte ihnen nicht nach geschaut, beschäftigt war ich mit mir im Gegenteil und meiner Aufklärungsersuchung. Wir liefen durch den Raum, er war nicht sehr unerschöpflich. Ich bin die Wand entlang gelaufen – zu weit weg – ich konnte mich nicht halten, sie ging mir zu nah.

Monolog II

Konzentrier dich. Stell richtige Fragen. Zuerst stell dich an. Alles geht der Reihe nach. Konzentrier dich. Stell die richtigen Fragen. Stell dich nicht an. Was soll diese Mitteilung. Sie ergibt keinen Sinn, hat keinen Sinn, ist sinnlos aber folgenschwer. Ich stell mich an. Warte. Kann nicht warten. Ich geh im Kreis mir entgegen kommt eine. Beruhigung, wie denn? Bei der Folgenschwere. Beruhig dich selbst, du Arschloch – hier „Sehr geehrte Frau“ – Frau – Ausgedrückte Bemittleidigung. Gibt’s gar nicht, da kann sich gar nicht irgendwer zu verhalten und jetzt muss ich auch noch im Stehen aushalten…

Vorher

Es konnte nicht kalt sein, obwohl die Wände, die nur Rand waren, porös an den Ecken standen. Porös und lückenhaft. Mit seinen Fingern konnte er sie entlangfahren. Von Lücke zu Lücke bestanden sie zumeist aus kleinen Löchern, wie eingedrückte Wand. Gelegentlich kulminierter Lückenverband. Dann wurde das Außen klar als Raum sichtbar, welcher die Wand samt Ecken umschloss. Als sie das Seminar betrat, lief sie ihm in die Arme, unaufmerksam, ihr Blick ging wild. Sie rang mit Gliedmaßen und bewegte ohne Laute den Mund. Er hielt sie fest umschlossen. Ihre Wärme war ihm angenehm. Und ein Mal war da ein Geräusch. Im Anfang war es leises Zirpen laut werdend verstand er, es war ihr Mund der verlangte augenblicklich losgelassen zu werden. Sie gab ihm die Mitteilung wieder, die sie vor wenigen Augenblicken erhalten hatte. Darin hieß es, sie sei bis aufs weitere nicht erwünscht, oder ähnliches. Er hörte nicht. Es kann nicht sein, Irrtum, sagte er, drehte sich um, verließ das Seminar. Nur ein Haar hatte er noch von ihr zwischen den Fingern, das würde er jetzt essen.

Erläuterung

Es fehlt etwas. Es wurde etwas genommen das hätte da sein müssen. Es war klar, es hätte da sein müssen. Es hätte nicht genommen werden dürfen. Es gab keine Berechtigung seiner Abwesenheit. Es gab Niemand, der es leugnen konnte. Sie alle waren der Meinung, ein und derselben – wo also war es? Sie musste eine Weile suchen aber sie wusste, wo sie hin musste. Das Gebäude war vertrackt. Sie ging die Treppe, kaum groß genug, zwei Ebenen zu verbinden und dennoch, ließ die Treppe sie Verweilen, Schritt für Schritt, Stufe um Stufe schienen unsichtbar vermehrt, zumindest Wildwuchs in allen Richtungen. Sie hatten es auf sie abgesehen – und dich, sie musste doch weiter gehen – verständlicherweise.

2. Kapitel: Im Büro des ersten Sekretärs unterster Stufe

Er sagte: Nach dem Sie so schön angestanden sind, junge Dame, dürfen sie jetzt eintreten und mir ihr Anliegen unterbreiten. Sie sagte: – Nein, sie wollte etwas sagen aber es hing an ihren Lippen. Er lachte: Na na, kleines Fräulein, sind wir etwa nervös? Müssen wir nicht sein. (Regieanweisung: Sie beginnt zu schwitzen, Schweißperlen auf ihrer Stirn.. zucken mit den Beinen) Er musste seine Chefin holen, so was war ihm noch nicht passiert. Die Chefin hatte einen strengen Zopf und kleine Brillengläser. Bei einem derartigen Anliegen, sagte sie, müssen sie zum Obervorsteher zweiter Stufe. Hier können wir ihnen nicht weiter helfen und bevor sie, also sie, unsere Protagonistin, noch was sagen konnte, wurde sie vom Sekretär und der Chefin schon zur Türe hinaus geschoben.

Gedankenexperiment

Adam und Eva – zwei versoffene Hippies stellen sich die Frage nach der Kunst und Adam sagt: Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt: Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen. Doch mit dieser Aussage greife ich schon ein wenig vor, denn diese verbrecherische Perfektion könnte nur erreicht werden, wenn der Virtualisierungsprozess der Welt bereits abgeschlossen wäre. Soweit sind wir noch nicht, und wie im Kriminalroman ist das Verbrechen niemals perfekt. Unsere Situation ist eher die, wie sie Borges in seiner Fabel von Landkarte und Territorium beschrieben hat. Borges sieht Fetzen der Karte auf der Fläche des Territoriums vermodern. Doch in unserem Fall wäre es eher umgekehrt: Auf der Fläche der Karte, der virtuellen Abstraktion des Territoriums, treiben nur noch ein paar Fetzen des Realen.

Epilog

Es gäbe so viele Namen für sie, doch keiner würde ihr Wesentliches erfassen können. Sie, die ausgezogen war, um Antworten zu erhalten.

realität

kafka zitate

Natürlich bin ich zu viel. Ich bin ein Mensch. Was verstehst du von der Hölle, die ich bin. Du hast deine eigene – und die glänzt so schön. Ich will sie streicheln. Natürlich bin ich zu viel. Ich habe diese Eigenschaft, zu viel zu sein. Ich bin ein Mensch. Und wenn ich gehe, will ich als Sturm gehen. Insofern war die Anschaffung schwerer Schnürstiefel meinem Vorhaben gänzlich hinderlich und so verharre ich lange an der Tür, damit beschäftigt und einer affektierten Hast hingehoben, die unweiblichen Schuhe über die unweiblichen Füße zu stülpen – es gelingt mir nichts. Du hast genug Zeit, Ja zu sagen – aber du sagst nichts und ich glaube, du sagst nichts. Ich glaube, Zeit spielt in diesem Fall keine Rolle. Ich glaube, Zeit spielt nie eine Rolle – es sind nur Zeitpunkte und ein beharrliches aneinander vorbei Ziehen – was auch nur ein schöner Traum ist. Ich denke, wir träumen nur voneinander. Oder wir denken nur voneinander – ja – wir denken nur. Ich habe diese Eigenschaft, zu viel zu sein und zu viel zu erzählen – mich in jede Richtung zu ergießen. Ich habe diese Eigenschaft, immer offen zu sein und mich zu wundern, wenn es nicht zurück hallt. Ich habe diese Eigenschaft, allein zu sein mit meinem Hall. Ich habe diese Eigenschaft, alles und jeden aufzunehmen. Es ist immer wieder eine schöne Vorstellung, man könnte sich nicht verstehen – als zuzugeben, dass du, ich, dass wir nicht zuhören wollen. Als würde jetzt das Anzünden einer Kerze etwas daran ändern, dass ich alleine bin – oder ein Kafka Zitat – als würde ein Kafka Zitat irgendetwas daran ändern. Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle. Was verstehst du von der Hölle, die ich bin – du hast deine eigene. Was verstehen wir von unseren Höllen und selbst wenn wir sie beharrlich aneinander reiben – wir verstehen uns nicht. Ich habe zu viel erzählt, zu viel von den Wunden und von meiner Unfähigkeit – ich habe zu viel geleckt an deiner Verzweiflung. Ich kann nur an Verzweiflung lecken. Natürlich bin ich zu viel – und süß und fordernd. „Du hast einen schönen, weiblichen Körper.“ und ich lache. „Das ist heute kein Kompliment mehr.“ erwidere ich. Ich denke, ich habe einen Körper, der sich seinem Ende neigt und einen Geist, der langsam in sich verschwindet. Aber so Gesichter morgens im Bett sind die schönsten – nicht? So Gesichter morgens im Bett oder Liebe – so Liebe ohne alles. Ohne Liebe ist alles nichts. Ich habe diese Eigenschaft, zu viel zu lieben – jedes bisschen Verzweiflung zu lieben oder dich. Ich habe diese Eigenschaft, Verfehlungen zu lieben – jede neu und wunderbar. Oder dich. Ich habe diese Eigenschaft, fest zu halten – an den Dingen, am Nicht-Verstehen-können. Ich halte fest. Heute Nacht habe ich von dir geträumt. Ich sollte ein Referat über ein Rilke Gedicht halten und ich hatte mir alles sehr schön ausgemalt in meinem Kopf und ich wusste, dass du dich auf mich verlässt – du warst der Lehrer oder so etwas in der Art – der Kursleiter und der Kurs fand irgendwo außerhalb der Stadt statt, irgendwo außerhalb in einem Einfamilienhaus und erst kurz bevor ich an der Reihe war, musste ich feststellen, dass ich das falsche Gedicht vorbereitet hatte und das Gedicht, das richtige Gedicht, kannte ich gar nicht und auch meine Versuche, es noch schnell in meinem Smartphone zu googeln, führten ins Leere. Dein Gesicht sah sehr traurig aus, als ich nichts zu sagen hatte. Das ist vermutlich der lustigste, schönste und verwirrteste Traum, in dem ich vorkam und von dem ich weiss. Ich bin gar gerührt. Sehr.

kafka zitate

ich warte darauf

Seit ich dir so viel von mir erzählt habe, redest du nicht mehr mit mir. Das sollte mich nicht traurig machen. Ich warte mit den wichtigen Gedanken auf die Nacht – mit den kitschigen Gedanken, mit den Gedanken, die niemand hören soll. Ich spreche sie so lange aus, bis die Worte ihren Sinn verlieren. Das sollte mich nicht traurig machen. Ich warte mit den richtigen Gedanken auf die Nacht – also sie, sie warten auf mich. Sie warten darauf, dass es dunkel wird, dass niemand mehr mit mir spricht, dass dieser Strom zum Erliegen kommt – darauf warten sie und erst dann, wenn mich nichts mehr ablenkt, wollen sie sich in mir erbrechen, die kleinen Geister. Ich warte mit dem Klein-sein auf die Nacht – ich warte darauf, immer kleiner zu werden. Ich warte darauf, einfach zu verschwinden. Es kommt mir sinnvoll vor – ich bin schon ganz klein und manchmal denke ich, es braucht nur einen zarten Ruck, eine sanfte, eine klitzekleine Bewegung und ich bin endlich verschwunden. Ich warte darauf in der Nacht. Ich warte darauf, dass dieser Druck – er beginnt immer irgendwo unterhalb des Herzens – ich glaube in der Nähe des Zwergfels – so ziemlich in der Mitte meines Körpers unterhalb des Herzens – ich warte darauf, dass dieser Druck sich langsam ausdehnt, ins Herz hinein und in den Magen, seitlich an den Nieren vorbei – ich warte darauf. Ich warte darauf, wie er langsam die Beine hoch gleitet hinein in die Zehen, über die Schulter bis in die Fingerspitzen und dann werden meine Hände steif – ich versuche, sie zu dehnen aber sie bleiben Steif, in einer steifen, ungelenken Position. Das ist dieser Druck, der mir von mir erzählt – immer wieder. Das ist dieser Druck und er will mich sprengen – von innen heraus und er fasst mir in die Kehle – einfach so, weil er es kann. Er fasst mir in die Kehle und lässt nicht mehr los. Er greift sich in meinen Zähnen fest und in meiner Zunge und lässt nicht mehr los. Ich schüttle mich – ich versuche meinen Körper zu schütteln, ich schlage meine Beine gegen die Heizungsrohe – ich verstehe ihn nicht – ich bin offen, du kannst gehen. Ich schüttle mich, er bleibt. Ich ziehe mir die Haare aus dem Kopf – du kannst gehen. Ich warte mit den wichtigen Gedanken auf die Nacht – und den Tränen und dann wundere ich mich, dass niemand da ist. Dann verliere ich das Gefühl für meinen Körper – er ist irgendwann, während ich die Beine gegen die Heizungsrohe geschlagen habe, stumm geworden – er ist irgendwann ganz in diesen Druck übergegangen – ich spüre nur noch, wie es gegen alles pocht – ich weiß nicht mehr, was Innen und was Außen ist. Ich spüre den Druck und irgendwann merke ich, dass ich mir die ganze Zeit – ich weiß nicht, Stunden – dass ich mir stundenlang in den Finger gebissen habe und das Blut tropft über die Holzdielen. Ich glaube, er will mich töten – und ich denke, es wäre besser so – ich kann so nicht leben. Niemand kann das. Niemand kann so leben und niemand kann so mit mir leben – mit mir und diesem Druck. Ich warte auf die Nacht und wenn ich alleine bin – ich bin alleine. Ich warte auf die Nacht, wenn ich alleine bin – du hörst nicht zu. Ich verlagere mein Ich zu häufig in dich. Und diesen Druck. Du hörst nicht zu. Ich würde mir auch nicht zuhören. Nach dem Druck kommen die Gedanken, die mir von mir erzählen und dass ich keinen Wert habe. Nach dem Druck kommen die Gedanken und sammeln die Stationen meiner Wertlosigkeit ab – die Wegmarken und dass die Welt nicht anders wäre. Und die Welt ist schlimm und die Menschen darin und ich. Und von weit entfernt sehe ich meinen gekrümmten Körper irgendwo zwischen Heizungsrohr und roten Holzdielen und ich kann schon wieder ein wenig über mich lachen – dass alles so ein wenig lächerlich ist. Ich warte darauf, zu verschwinden. Ich warte darauf, dass ich mich in meiner Lächerlichkeit auflöse und wir herzlichst darüber lachen. Seit ich dir so viel von mir erzählt habe, redest du nicht mehr mit mir. Das sollte mich nicht traurig machen. Das macht mich nur erbärmlich. Und dieser Druck –

ich warte darauf