ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

Henry stand zum ersten Mal in Norahs Wohnung – Norahs Zimmer besser. Als er den Gedanken ausgesprochen hatte – also die Idee – als er die Idee ausgesprochen hatte, kam es ihm schon wieder sehr albern vor. Das Zimmer lag im Dachgeschoß – kurz vor dem Himmel, sagte er, nach dem er über die vier Stockwerke hoch ins Dach aus der Puste kam – Raucherlunge. Keine 15qm – obgleich er das nie wirklich abschätzen konnte – aber es war ein furchtbar kleiner Raum, kleiner noch durch die Fülle an Möbel, Büchern und Klamotten – alles wild verteilt auf dem Boden, dem Schreibtisch, der Couch – nicht einen Schritt konnte er in den Raum eindringen, ohne über den nächsten Gegenstand zu stolpern. Die Idee kam ihm schon lange albern vor aber Norah war ganz aufgeregt – sie wollte es durchziehen. Als er so in diesem kleinen Raum stand, in diesem engen, kleinen Raum – in ihrem engen, kleinen Raum stand, fiel ihm auf, dass er nichts über sie wusste – er wusste nicht, wie sie lebte, welche Bücher sie im Regal hatte, ob sie auf Klamotten stand oder Schuhe, welche Hygieneprodukte sie verwendete, ob sie morgens oder abends duschte, ob sie Bilder an der Wand hatte oder Poster oder eine bunte Blumentapete – er wusste nichts von ihr. Wo saß sie, wenn sie ihr Notizbuch vollkritzelte – saß sie auf der Couch, zwischen den Klamottenhaufen oder im Bett? Am Schreibtisch konnte sie unmöglich sitzen, der war zugestellt mit Dingen – auch Büchern – einige aus der Bibliothek – sie durfte sie gar nicht ausleihen, also hatte sie sie heimlich heraus geschmuggelt, nachts durch den Hinterausgang. Er würde das auch tun. Er wusste nicht, dass sie über Nietzsche arbeitete – so viel war klar und die Sekundärliteratur – er kannte die Titel nicht, den einen oder anderen Autor – so viel war klar, irgendwas Moralphilosophisches. „Langsam verstehe ich, warum du zuhause nicht arbeiten kannst.“ sagte er ruhig, mit seinen Worten einen Ort findend, wo er sich unbedarft hinstellen konnte. „Du schreibst über Nietzsche?“ fragte er – was konnte man schon über Nietzsche schreiben? Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – mit dieser Idee, die ihm schon längst so albern vorkam aber sie war bereit, es durchzuziehen. Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – in ihrem kleinen Zimmer, in ihrer kleinen Unordnung einfach so rum zu stehen und nach Nietzsche zu fragen. Sie entschuldigte sich halbherzig für den Zustand ihrer Wohnung, als wäre sein albernes Rumstehen ein Urteil oder so was, als würde sie sich für sich selbst entschuldigen, während sie hektisch nach ihren Sachen suchte, nach Dingen, die man mitnehmen könnte für die lange Fahrt – oder einfach Dinge. „Sicher, dass du noch fahren kannst?“ fragte er zögernd. Schließlich wäre es von Vorteil, wenn sie zu betrunken wäre – dann könnte man diese Albernheit einfach sein lassen – es war eine nette Idee aber wir sind zu betrunken. „Ich muss noch etwas Wasser trinken.“ in ihrer dunkle Stimme sangen die Worte. „Ich glaube, ich hab alles. Also geht’s los?“ Sie antwortete nicht auf die Frage, was man über Nietzsche schreiben könnte. „Fahren wir?“ Henry kam es komisch vor, sich in das Auto einer Frau zu setzten, über die er nichts wusste – was wusste er von ihr? Deren Zimmer er erst jetzt zu Gesicht bekommen hatte, obwohl sie schon seit Monaten fast jeden Abend auf seinem Bett saß. Woher kannte er sie überhaupt? War sie nicht einfach dagewesen – einfach so mit einem Mal dagewesen und er wusste nicht, ob sie überhaupt Freunde waren – er kannte sie nicht. Er fand es irgendwie süß, wie sie da in der Mensa saß mit ihrem Notizbuch, ganz weltvergessen saß sie da – als wäre sie gar nicht – als wäre sie nur so eine Figur in einem Bild eines kitschigen Malers des Hyperrealismus. Aber es hatte etwas Liebliches, also blieb er stehen, sah sie kurz an und fragte dann, ob sie am Abend mit in die Bar kommen würde. Das war alles. Und mit dieser Frage – und es ist schon auch eine dumme Frage – mit dieser Frage war sie mit einem Mal da – einfach da – aufs Bett gestreckt mit den ganzen anderen Politikwissenschaftlern Abend für Abend in seinem Zimmer aber er kannte sie gar nicht.

aus Kapitel 6 patina
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