mitmenschlichkeit

Es ist Tag. Ich bin traurig. Du willst nichts daran ändern. Du bist grausam. Ich sterbe. Schon gestorben – eins, zwei – schon zehn gestorben. Ich stehe am Fenster. Schon zehn gestorben, elf, zwölf – schon zwölf gestorben zwischen den Zeilen. Zwischen den Scheiben haben sich die Mücken verfangen – im Sommer und jetzt in der Wintersonne zwischen den Scheiben staut sich die Wärme und eine nach der anderen fällt um – schon zwölf gestorben. Schon zwölf Leichen zwischen dem Schreiben – Wintersonne. Es ist Tag. Ich bin traurig. Du willst nichts daran ändern. Du bist grausam. Ich suche nach der Ich-Perspektive – nach der richtigen Ausdrucksform um dem Kranken die konkrete poetische Einfühlung einzuverleiben – die poetische Einfühlung in das Kranke, in das Erbärmliche, in diese innere und äußere Leere, Einsamkeit, im eigenen Dasein vegetieren, vergammeln, wertlos sein. Vor meinem inneren Augen lachst du mich aus – gerade jetzt – während ich für alle und jeden ersichtlich in mir zusammenklappe, steht da immer noch jemand neben meinem Kopf und lacht mich aus. Komm rein, mach es dir gemütlich – ich bin es gewohnt, dass man sich nimmt, was man braucht – du kannst dir nehmen, was du brauchst – was brauchst du? Ich bin es gewöhnt, dass man es sich in mir gemütlich macht, dass man sich in mir breit macht und sich alles nimmt – nimm dir, was du brauchst, was brauchst du? Ich lache dann. Ich lache dann, nur um all das zu ertragen. Ich lache dann, wie die Menschen bei Verkehrsunfällen, die ihre Augen nicht von dem Geschehen abwenden können oder wenn etwas wirklich Grausames passiert, dann lachen die meisten, einfach nur um es ertragen zu können als würde man selbst nicht jeden Tag grausam sein. Vielleicht besteht mein Wert darin, alles in mir zu vergeben, so lange, bis ich endlich verschwunden bin – bis ich jeden Teil meines Daseins vergeben habe – ja, der Platz auf mir ist noch frei, du darfst dich auch daran abarbeiten und nachts träume ich davon, endlich erwürgt zu werden. Ich suche nach den Ich-Perspektiven, die mir erklären, warum dein Sosein mich quält und mein Sosein dich quält – warum alles Qualen sind – also die Menschen – der Mensch ist eine Qual während die Wintersonne eine Mücke nach anderen zwischen den Scheiben – also zwischen dem Schreiben und zwischen den Zeilen – müsste man sich ja nur entgegenkommen – ja – oder – du müsstest mir entgegenkommen und ich dir, das wäre ja alles – oder – sich dann doch eben nur warten lassen und dieses Spiel spielen, ganz perfide perfektioniert – immer ein bisschen weniger werden und irgendwann bin ich endlich verschwunden also zwischen den Zeilen und die Mücken – ich müsste ja nur die Scheibe öffnen – nur eine die erste oder die zweite, dann würde ich sie retten. Es ist Tag. Ich bin traurig. Ich will nichts daran ändern. Ich bin grausam.

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