irgendwann werden wir alle verschwunden sein

Dann schaue ich ihn an, wie er so ganz zu verschwinden droht unter dem dicken Pullover und dem Schal, der auch eine Decke sein könnte – wie er sich ganz in diese Stoffe hüllt und ich wäre gerne sein Pullover – ihn einfach ganz umschließen, ihn mit meinem Sein umschließen, wärmen – ihn darin verschwinden lassen. Könnte John in mir verschwinden? Darüber verliere ich kein Wort, während wir uns anstarren von der einen Wand zu anderen – ich wünschte, er würde mir auch eine Zigarette drehen aber er dreht nur sich selbst eine und er hat den Platz am Fenster also kann er rauchen, während ich nur den Platz an der Tür habe. Manchmal nimmt deine Abwesenheit in mir sehr viel Raum ein – manchmal will ich mich vollkommen umstülpen, von Innen nach Außen – einfach um da-zu-sein. Ich würde dir so gerne mein ganzes Dasein vor die Füße kotzen. Ich hatte schon vor einer Weile beschlossen, nicht mehr zu sprechen, also ist es sehr ruhig, seit die Playlist zu Ende ist. Der letzte Song war Do you know what I mean von Oasis – was wirklich kein guter letzter Song ist. An diesem Gedanken halte ich mich eine Weile auf und bilde mir ein, ich könne nicht gehen, so lange dieser letzte Song noch im Raum steht – das passt einfach nicht und rückt das ganze Szenario in eine seltsame Aura von Bestimmung. Ich denke, John würde sehr genervt schauen, wenn ich das jetzt ausspreche – er ist schon sehr genervt von mir und meinem Vorwurf, er würde mir nicht zuhören und ich bin erstaunt über mich selbst, weil ich eigentlich keine Vorwürfe mache – es ist also im Allgemeinen kein guter Abend, um in Gesellschaft zu sein. Ich hätte lieber sagen sollen: Ich will, dass du mich wahrnimmst. Das hätte es schon ganz auf den Punkt gebracht. Aber ich habe irgendwas Blödes gesagt und jetzt sage ich gar nichts mehr. Und ich denke, John würde ganz in mir verschwinden, wenn ich nur lange genug schweige – wenn ich lange genug nicht da bin, würde John und dieser ganze absurde Moment irgendwann in mir verschwinden. Ich kann mir diesen erheblichen Luxus, sich vollkommen zu öffnen, nicht leisten – und eigentlich ist es nur menschlich, dass wir uns gegenseitig nicht für einander interessieren – die Enden dieser Augenblicke, dieser Situationen und es kommt immer dazu, es kommt immer zu solchen Situationen, es ist letztlich immer ein Hin und Her zwischen diesen Situationen, die Enden dieser Augenblicke liegen immer in den Ecken, also in diesen Ecken sich gegenüber sitzend und irgendwo in mir drin. Und jede Beziehung endet irgendwo hier, in mir drin – ich muss Dinge immer zu Ende denken – sich anschweigend. John behauptet, ich bin zu extrem – und das stimmt schon. Er sagt, ich verlege mich in seine Worte – nur in diese, die mein eigenes Gefühl, unzureichend zu sein, unterstützen. Ich nenne ihn Psychologe. Meine Stimme ist jetzt sehr hoch und es soll irgendwie sarkastisch klingen – ich will sarkastisch sein. Das wollte ich auch, als ich behauptete, ich wäre froh, wenn die Menschheit so enden würde, wie es der neue Houellebecq Roman verspricht, dann hätte ich endlich einen legitimen Grund, mich umzubringen. John findet das nicht witzig. Ich mag es nicht, von ihm analysiert zu werden. Ich mag es nicht, wenn er die Augen schließt bei meinen langsamen Worten oder auch dann, wenn ich nichts sage und er einfach die Augen schließt und es immer so einen Hauch von Verschwinden hat – er eingewickelt in seinem dicken Pullover mich wegschauend. Dabei hatte ich mich doch nur an einem Haar festgehalten – weißt du noch – nur an einem einzigen Haar und was kann ich denn dafür, dass dieses Haar zu dir geführt hat – was kann ich denn jetzt dafür? Ich könnte sagen, dass ich dich will, weil du mich schön zurück werfen kannst – so wie ich mich sehen will. Vielleicht. Oder dass mich jedes deiner nicht ausgesprochenen Worte so sehr wahnsinnig macht, dass ich mir etwas ins Herz rammen will – weil ich immer nur eine Sekunde davon entfernt bin, mir etwas ins Herz zu rammen, damit dieses furchtbare Ziehen in alle Richtung endlich zum Erliegen kommt. Aber das Wichtigste für uns Menschen ist, dass wir nichts von alledem je aussprechen – ich sitze also an der Tür und beiße mir die Lippen wund. Irgendwann endet auch diese Nacht. John wird fragen, ob ich mich beruhigt habe und ich werde nicken – ich habe mich jetzt beruhigt und er wird das gut finde. Ich bin ganz ruhig. Ich denke, wenn ich lange genug ruhig bin, werde ich irgendwann in mir verschwinden. Und John wird das gut finden.

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