realität

Arbeitstitel: Traum

Prolog

Es blieb ein Nachgeschmack, als sie sich ausloggte und die Seite sich mit Werbebildern füllte. Sie hatte jeden Buchstaben einzeln zwischen ihren Zähnen und der Nachgeschmack in ihrer Brust: „Sehr Geehrte Frau…“ – Frau – Bedauern über die Mitteilung, sachlich unklar. Bis aufs Weitere – bis aufs Weitere. Weiter. Sie sog langsam die Luft ein. Sie musste das dem nachgehen. Sie hatte dem nachzugehen. Sie verließ die Werbebildchen. Sie verließ die „Sehr geehrte Frau“. Sie wusste wo hin.

Monolog

Leeres Blatt.

Leeres Blatt Papier.

Leeres Blatt Papier starrt mich an.

Durchzug. Es zieht durch. Unter meiner Hand leeres Blatt Papier im Zug.

Ich verlasse leeres Blatt Papier, schließe Fenster.

Fenster zu. Wieder bei dir, id est bei mir. Vor dem Blatt, darüber, kein Zug.

Die Tür hinter ihr schlug zu. Draußen traf sie nichts. Automatisch fiel ihr Blick. Auf die obersten Fenster. Fünfter Stock. Ende Altbau. Es brannte Licht. Ihr war noch nicht dunkel.

Zeitsprung

Sie war die Straße gegangen, der Weg hinunter war nicht weit aber es kam ihr wie eine Ewigkeit. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor kommt. Es kommt mir vor, als müsste ich gehen. Sie lief die Straße und die Straße hinunter war lang. Sie hatte eins zwei Worte noch auf eins zwei Lippen und sie konnte sie wörtlich die Worte aber es kam ihr lang vor die Nachricht. Sie hatte sie auf den Lippen sozusagen die Nachricht. Sie war noch immer auf der Straße, als sie einem begegnete unterwegs. Sie begegneten sich, aber sie musste die Straßenseite wechseln um ihm zu begegnen. Sie grüßten sich umgehend, musste schnell zum Wesentlichen kommen. „Sehr geehrte Frau“ und Bedauern über Mitteilung, über Verlust. Sie war beim Wesentlichen, es lag auf der Zunge, das Wesentliche. Das Wesen der Mitteilung. Sie teilte sich ihm mit. Er schüttelte Kopf vorübergehend. Das fachkundige Urteil lautete: Irrtum. Sie verbeugte sich großzügig davor. Im nächsten Schritt war sie auf dem Sprung und angekommen.

  1. Kapitel: Seminar

Kurze Erläuterung der räumlichen Situation durch Mauerschau.

Dem Raum fehlt etwas. Es ist nicht gleich klar, was? – aber es fehlt. Klar. Es sind vielleicht Stockwerke, sie sind nur halb so groß wie Stockwerke groß zu sein haben. Aber sie sind auch nicht klein. Nur einfach halb so groß. Vielleicht ist das Problem Folgendes: Der Raum war als ganzes ein Gebäude eingebettet in eine Fabrikhalle.

Sie war angekommen.

Ich bin die Wand entlang gelaufen. Es war wie eine Fabrikhalle, aber filigraner. Es gab Treppen, es gab schöne Treppen. Die Wände waren nicht nur kalt, sie hatten Raum, Tiefe. Durch die Lücken konnte ich Arbeiter sehen. Sie trugen große Stahlpfeiler – aber ich habe nicht lange genug hingeschaut. Ich hatte ihnen nicht nach geschaut, beschäftigt war ich mit mir im Gegenteil und meiner Aufklärungsersuchung. Wir liefen durch den Raum, er war nicht sehr unerschöpflich. Ich bin die Wand entlang gelaufen – zu weit weg – ich konnte mich nicht halten, sie ging mir zu nah.

Monolog II

Konzentrier dich. Stell richtige Fragen. Zuerst stell dich an. Alles geht der Reihe nach. Konzentrier dich. Stell die richtigen Fragen. Stell dich nicht an. Was soll diese Mitteilung. Sie ergibt keinen Sinn, hat keinen Sinn, ist sinnlos aber folgenschwer. Ich stell mich an. Warte. Kann nicht warten. Ich geh im Kreis mir entgegen kommt eine. Beruhigung, wie denn? Bei der Folgenschwere. Beruhig dich selbst, du Arschloch – hier „Sehr geehrte Frau“ – Frau – Ausgedrückte Bemittleidigung. Gibt’s gar nicht, da kann sich gar nicht irgendwer zu verhalten und jetzt muss ich auch noch im Stehen aushalten…

Vorher

Es konnte nicht kalt sein, obwohl die Wände, die nur Rand waren, porös an den Ecken standen. Porös und lückenhaft. Mit seinen Fingern konnte er sie entlangfahren. Von Lücke zu Lücke bestanden sie zumeist aus kleinen Löchern, wie eingedrückte Wand. Gelegentlich kulminierter Lückenverband. Dann wurde das Außen klar als Raum sichtbar, welcher die Wand samt Ecken umschloss. Als sie das Seminar betrat, lief sie ihm in die Arme, unaufmerksam, ihr Blick ging wild. Sie rang mit Gliedmaßen und bewegte ohne Laute den Mund. Er hielt sie fest umschlossen. Ihre Wärme war ihm angenehm. Und ein Mal war da ein Geräusch. Im Anfang war es leises Zirpen laut werdend verstand er, es war ihr Mund der verlangte augenblicklich losgelassen zu werden. Sie gab ihm die Mitteilung wieder, die sie vor wenigen Augenblicken erhalten hatte. Darin hieß es, sie sei bis aufs weitere nicht erwünscht, oder ähnliches. Er hörte nicht. Es kann nicht sein, Irrtum, sagte er, drehte sich um, verließ das Seminar. Nur ein Haar hatte er noch von ihr zwischen den Fingern, das würde er jetzt essen.

Erläuterung

Es fehlt etwas. Es wurde etwas genommen das hätte da sein müssen. Es war klar, es hätte da sein müssen. Es hätte nicht genommen werden dürfen. Es gab keine Berechtigung seiner Abwesenheit. Es gab Niemand, der es leugnen konnte. Sie alle waren der Meinung, ein und derselben – wo also war es? Sie musste eine Weile suchen aber sie wusste, wo sie hin musste. Das Gebäude war vertrackt. Sie ging die Treppe, kaum groß genug, zwei Ebenen zu verbinden und dennoch, ließ die Treppe sie Verweilen, Schritt für Schritt, Stufe um Stufe schienen unsichtbar vermehrt, zumindest Wildwuchs in allen Richtungen. Sie hatten es auf sie abgesehen – und dich, sie musste doch weiter gehen – verständlicherweise.

2. Kapitel: Im Büro des ersten Sekretärs unterster Stufe

Er sagte: Nach dem Sie so schön angestanden sind, junge Dame, dürfen sie jetzt eintreten und mir ihr Anliegen unterbreiten. Sie sagte: – Nein, sie wollte etwas sagen aber es hing an ihren Lippen. Er lachte: Na na, kleines Fräulein, sind wir etwa nervös? Müssen wir nicht sein. (Regieanweisung: Sie beginnt zu schwitzen, Schweißperlen auf ihrer Stirn.. zucken mit den Beinen) Er musste seine Chefin holen, so was war ihm noch nicht passiert. Die Chefin hatte einen strengen Zopf und kleine Brillengläser. Bei einem derartigen Anliegen, sagte sie, müssen sie zum Obervorsteher zweiter Stufe. Hier können wir ihnen nicht weiter helfen und bevor sie, also sie, unsere Protagonistin, noch was sagen konnte, wurde sie vom Sekretär und der Chefin schon zur Türe hinaus geschoben.

Gedankenexperiment

Adam und Eva – zwei versoffene Hippies stellen sich die Frage nach der Kunst und Adam sagt: Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt: Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen. Doch mit dieser Aussage greife ich schon ein wenig vor, denn diese verbrecherische Perfektion könnte nur erreicht werden, wenn der Virtualisierungsprozess der Welt bereits abgeschlossen wäre. Soweit sind wir noch nicht, und wie im Kriminalroman ist das Verbrechen niemals perfekt. Unsere Situation ist eher die, wie sie Borges in seiner Fabel von Landkarte und Territorium beschrieben hat. Borges sieht Fetzen der Karte auf der Fläche des Territoriums vermodern. Doch in unserem Fall wäre es eher umgekehrt: Auf der Fläche der Karte, der virtuellen Abstraktion des Territoriums, treiben nur noch ein paar Fetzen des Realen.

Epilog

Es gäbe so viele Namen für sie, doch keiner würde ihr Wesentliches erfassen können. Sie, die ausgezogen war, um Antworten zu erhalten.

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