»Ich will wissen, wer jemand wirklich ist.«

Zieh dich aus – ich will wissen, wer du wirklich bist. Menschen – kommen auf ihrer eigenen Oberfläche zum Erliegen. Der Weg ist schwer – vorbei an den ersten kleinen Reizen, vorbei an der ersten Schicht. Hol den Zollstock raus und miss meine Tiefe – du Arschloch. Und aus allen Ecken kreischen die Warnrufe vor mir bekannten Seelen. Ich kann mich lange ausziehen, Stück für Stück und schälen bis auf den Grund meines Daseins – bis da nichts mehr ist. Bis ich mich ganz in Luft ausgezogen habe und im Winde klirren die Fahnen. Ich habe mich verfangen in dieser alten Leib-Seele-Spaltung und sie klebt mir unter den Füßen, hält mich schwer – ich weiß nicht mehr weiter. Während ich die Straßen ablaufe, denke ich über deine Gedichte nach. Habe die Zeilen gewendet, viele Male in meinem Kopf – kann sie auswendig sprechen, während mich die Breitbeinigen daran erinnern, dass ich einen Körper habe. Zieh dich aus – ich will wissen, wer du wirklich bist. Ich halte dir mein Köpfchen hin und schnurre brav, wenn du mir die Haare aus dem Gesicht zitierst. Ich kann mich lange ausziehen, schälen bis auf den Grund meines Daseins – bis die ganzen Ichs und Dus in sich zusammen fallen, die ganzen alten Geschichten und wie wir sie beharrlich wiederholen – bis du mir dein Sein ganz aufgezwungen hast. Seelen verschmelzen, das ist das Schlimmste und Schönste – summe ich auf dem Weg zur U-Bahn und verschmelze doch nur mit Fahrgast eins bis hundert gegen den Spalier gedrückt. Mir fällt es schwer, den Fremden in die Augen zu schauen und nicht genervt zu sein, wenn der Typ mir gegenüber schwitzt wie ein Schwein oder Frau mir laut ins Ohr kichert – es fällt mir schwer, euch alle nicht zu hassen ob eurer Freiheit. Das Schlimmste und Schönste in den Anderen hineinzufallen – auf diesen harten Grund. Und ich frage mich, wie man wirklich sein kann – weil mir jedes Sein so furchtbar erfunden vorkommt. Kleine Ich-Konstruktionen – kleine Ich-Geschichten von damals früher jetzt. Weil ich gegen Alles und dich nur meinen Kopf halten kann – immer wieder – nur Worte halten kann, festhalten kann, wie sie sich ihren Weg suchen in das Unbekannte in mir und die Lust – die Lust am Anderen. Überwältigt mich immer und immer wieder.

»Ich will wissen, wer jemand wirklich ist.«

mitsein 2.0

Ich mag es, wie du dich an mir versprichst. Wenn dir die Worte hart im Halse stecken bleiben – dann greifst du lieber nach meiner Hand – oder nach meinen Haaren und ziehst daran, bis ich schreie. Ich mag es, wie du keine Worte für mich findest – dann stelle ich mir vor, du lachst – mich aus. Dann könnte ich vielleicht mitlachen. Ich mag die Dinge, die mich kaputt machen. „Das ist jetzt sehr pathetisch.“ und ich nicke emsig. Ich habe gut Nicken gelernt, wenn ich schon gar nicht mehr zuhören kann. Wenn es mir die Sprache verschlägt. Das Beste für mich wäre, wenn du jetzt still bliebest. An deiner Stille kann ich gut leiden. Ich mag es, wie ich alles zwischen den Zeilen heraus picken muss, weil du mir nichts zuwerfen kannst, was ich verstehen könnte. Weil es irgendwo liegen bleibt zwischen dir und mir. Ich mag das Raue in deinem Tonfall, an dem mein Ich so schön abprallen kann. „Wer fragt führt.“ und ich dachte immer, es sei anders herum. Aber das behalte ich im Kopf – ich kann auch Dinge zurück halten – ich muss nicht alles sagen. Dann greifst du nach meiner Hand, wenn ich mich in Rage rede – einfach so. Als könnte ich an meinen eigenen Worten ersticken und müsste aufgehalten werden. Als wäre das Greifen nach meiner Hand ein Mich-zurück-holen auf den Boden der Tatsachen, dass es eigentlich nur um Sex geht und dass es vollkommen irrelevant ist, was ich sage oder tue und ob ich mich jetzt in Rage rede. Mich festhalten, am Tisch halten, zwischen den Beinen halten – damit ich nicht weglaufen kann. Mich an der Hand halten, als gäbe es nur das oder den freien Fall. Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. Das Schlimmste ist ja, dass am Ende dieser Hand einfach nur ein Mensch hängt – mehr nicht. Und ich baumle dann so in der Luft, wenn du mich festhalten willst, weil ich dir so schön schmeichle – wenn du ein paar Zeilen an mich verlierst, damit ich dir gut zureden kann. Ich bin dann dieses Stückchen Trost, dass du mit dem Daumen weg wischen kannst, wenn dir langweilig geworden ist – wenn dir der Mensch an der Hand wieder zu viel geworden ist – zu viel ganz eigenes Dasein. „Du bist jetzt sehr theatralisch.“ Und ich will sagen: Lass doch los. Lass mich fallen. Ich nicke nur. Ja – ich habe noch nie verstanden, warum das Mitsein grundsätzlich die Möglichkeit des Selbstsein bestimmen muss. Also mein Mitsein. Warum mein Mitsein die Möglichkeit deines Selbstsein bestimmen muss, wenn doch jeder Mensch so ganz für sich ist. Fürsorge nennt das Heidegger. Und das Einzige, was uns verbindet, sind diese kurzen Momente an der Hand halten, bevor man fällt.

mitsein 2.0

bang bang, my baby shot me down

Er hat keinen Inhalt. Er ist eine hohle Form. Er hat keine Stimme. Sie singen im Radio, was von meiner Wand tropft. Was ich aufgetragen hatte, um einen Moment Ruhe zu haben – in meinem Kopf. Und während ich auf meine Wand schreibe, schreibe ich nicht – ich male nur. Es sind simple Striche – einer nach dem anderen und es tut gut, denn es hat keine Bedeutung. Es sind nur rote Striche auf meiner Wand – einer nach dem anderen unsauber aufgetragen gegen Raufasertapete – wer hat das überhaupt erfunden? Ich werfe Worte an die Wand und sie verlieren ihren Klang – es halt nicht mehr, wenn man sie festhält, die kleinen Worte dieser Welt – wenn man sie festnagelt ans Kreuz, die kleinen Bedeutungslosigkeiten. Ihr könnt jetzt ruhig sein – sagt jetzt nichts mehr, bewahrt Ruhe, seid still. Manchmal starre ich euch an – die roten kleinen Striche auf meiner Wand und ich bin mir fast sicher, wenn ich wegschaue, tanzt ihr wild – ihr könnt euch bewegen – ihr seid wandelbar, wenn ich nicht hinschaue – nicht? Aber ihr wollt es mir nicht verraten – ich weiß schon. Ihr wollt unter euch bleiben – unter euresgleichen und mich wollt ihr alleine lassen. Niemals einsamer als jetzt – aber wer weiß schon, dass das ein Gottfried Benn Zitat ist. Ich weiß es nicht. Ich kann zitieren was ich will. Und ein Gedicht zu interpretieren – euch scheiß Worte an meiner Wand – das sagt doch viel mehr über mich selbst aus, als über euch. Ich gehe da mit Roland Barthes und sage: Der Autor ist tot. Zum Glück bin ich kein Schriftsteller. Bang bang, my baby shot me down. Ich weiß nicht, was es bringen soll, nicht zu schreiben. Ich weiß nicht, was es bringen soll, in der Welt zu sein. Ich male rote Striche an die Wand und rede mit ihnen, wenn mir danach ist. Aber was am meisten schmerzt, ist dieser Gedanke, dass ich wirklich mich meine wenn ich Ich schreibe. Sprache kann ja so gemein sein.

bang bang, my baby shot me down

ich werde keine muse sein

Ich bin keine Muse. Ich bin nur die Frau, die dein Manuskript im Zug liegen lässt. Weil sie mit sich selbst beschäftigt ist. Also mit sich. Ich schreibe Ich in mein Dunkles, als gäbe es da etwas. Ich schau mir die Menschen an und verliere mich auf schönen Lippen immer dem Geruch der Freiheit nach. Weil Ich – Ich ist dieses optische Gefälle, das auf Allem liegt, was mich berührt. Und ich – ich wollte niemals Mensch sein. Ich schaue mir die Menschen an und verliere mich in einem schönen Blick, der verspricht, in mich hinein zu fallen. Ich bin keine Muse. Ich bin nur die Frau, über die man stolpert, wenn man von sich selber spricht. Und die Musen – die Musen streicheln dich an Orten, die niemand kennt. Und ich kann nicht streicheln. Ich – ich will es unbedingt. Ich will hineingreifen in die Dinge, die ich nicht verstehen kann – in alles, was mir fremd und unbegreiflich ist. Ich will hineingreifen in die zarten Seelen, in ihren Schwung – will mich tragen lassen in die Orte, die niemand kennt. Aber ich streichle nicht, während ich unscheinbar in einer Ecke sitze und den Gesprächen lausche – diesem Rauschen. Rausch. Ich streichle nicht, während alles andere an mir vorbei rauscht. Ich streichle nicht, während sie lachen – diese Gefüge. Diese kleinen Gefüge auf dem Weg in die Orte, die niemand kennt. Ich bin keine Muse. Mir fehlen die langen Haare und dieser Schwung, der Freiheit verspricht. Mir fehlen die roten Lippen und die Worte, die Absolution tragen. Mir fehlt die Sprache, wenn es wichtig ist. Ich streichle nicht, während ich Ich bin.

ich werde keine muse sein