verstetigung

Er sitzt in der Bar und wartet. Das machen die Frauen mit Absicht – aber das ist okay – das gehört dazu. Jeder sollte eine Liebelei in Wien haben – hatte sie vor kurzem noch getwittert. Oder ein Geständnis – jeder sollte ein Geständnis in Wien haben. Das Handy jetzt nicht in die Tasche zu stecken, wäre ehrlicher. Aber er schiebt es in die Hosentasche. „Du findest meine Gedichte entweder extrem gut oder extrem schlecht – sonst würdest du etwas dazu sagen.“ sie kommt gleich auf den Punkt. Das gefällt mir. Er hatte sich mit dem Rücken zur Tür gesetzt. Ich weiß nicht, wie lange sie an der Tür gewartet haben muss, bis sie sich zusammenriss und unvermittelt neben ihm stand – zuerst sah er nur ihre Haarspitzen auf den zusammengefalteten Armen vor der Brust, bis er den Blick langsam auf das Gesicht hob, um zum wiederholten Male festzustellen, dass Frauen wirklich gute Verkleidungskünstler sind. Ihr Gesicht war zumindest freundlicher als auf den zahlreichen Bildern, die er ein paar öfter Mal durchgescrollt hatte – netter. Der Rest war auch okay. Er hatte sie sich größer vorgestellt. Ich hatte mir dich wie ein großes Ausholen vorgestellt – oder ein großes Verharren – irgendwas dazwischen. Es lag ihr eine gewisse Enttäuschung auf den Lippen aber sie sagte nichts – legt das Handy auf den Tisch, lächelt verlegen – das Übliche. Übliche Bewegungen zwischen sich vermeintlich Fremden. Vorstellungen. „Was ist los?“ – „Du langweilst mich.“ Da sind vielleicht noch so an die zehn zwanzig Gesichter – die warten darauf, dass ich zu ihnen spreche. Hundert. Alle. Und ihre Haarspitzen liegen noch immer auf den zusammengekniffenen Armen. Man antwortet selbst nicht immer sofort – aber ärgert sich, wenn andere nicht sofort antworten. Ärgert sich oder heult oder hasst sich. Ich bin abhängig von dir – von allen. Ich existiere nicht, wenn du nicht zu mir sprichst. Sie lässt die Arme langsam fallen, hält sich am Weinglas fest, zieht die Lippen zusammen – jede Bewegung gehört mir. Bewegung. Bewegung. Du langweilst mich. „Meine Gedichte sind gut!“ fragt er. Sie zieht die Augenbrauen zusammen – oder vielleicht versucht sie eine Braue hochzuziehen? Es sieht ein wenig lächerlich aus. „Ich habe zuerst gefragt!“ – „Ich will es.“ – „Du schreibst immer über das Gleiche – kleine Narzissmusprotokolle. Das ist ein bisschen – langweilig.“ Ich weiß nicht mehr, an was ich leide. Ich weiß nicht, ob ich mehr an mir selbst oder an der Welt leide – natürlich an mir selbst. Ich kann nur an mir selbst leiden und alles andere ist nur die Auslagerung meines Selbstleid auf irgendwas außer mir – als würde es etwas außerhalb meiner selbst geben. In meiner Phantasie ist jeder ein Narzisst und was bringt es, das zu leugnen – zu leugnen, dass man so gnadenlos an seiner eigenen Innerlichkeit pocht, während man sich alles, Welt und Ich und Du nur so einverleiben will – alles aufsaugen, einverleiben und wirklich – wirklich einfach geliebt werden. Die Frauen am Nebentisch lachen. Ich weiß nicht, ich habe nicht hingeschaut, als sie gegangen ist – aber es sah bestimmt sehr schön aus. Wahrscheinlich hat sie draußen vor der Tür einen enttäuschten Zwinkersmiley geschickt – oder ein Selfie gemacht. Weil ich Narzissten irgendwie charmant finde, aber nicht mit ihnen umgehen kann? Ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, dass du mit mir sprichst, als dass ich mich jetzt daran gewöhnen könnte, dass du schweigst. Aber dieses in Cafés sitzen mit dem Rücken zu Tür nervt und wenn einige Zeit verstrichen ist – wenn sie mit ihrer wirklich schlechten Befindlichkeitslyrik draußen vor der Tür – also die Gedichte sind wirklich langweilig und in einer Sprache geschrieben – als könnte man heute noch Dinge schreiben wie Mein Herz blutet. Sie ist mit Sicherheit gegangen. Das Mädchen vorne an der Bar ist hübsch – also schön – je kürzer der Rock umso länger die Beine. Sie lächelt ein bisschen – belächelt vielleicht auch, weil ich schnaufe. „Warum lachst du?“ – „Du bist hier so rein gefallen.“ und passt so gut in diese Ecke – passt so gut, als würdest du immer hier sitzen. Passt so gut. Bist in mich hinein gefallen. Und immer wieder frage ich mich, wie ich hier hin gekommen bin – ich sitze hier nur, subjekte vor mich her. Ich weiß nicht, ich kann nicht zuhören und wer mir nicht zuhört, der hat meine Zärtlichkeit wirklich nicht verdient. Sie lacht. Es ist so diese nette Art von Lachen – diese Art von Lachen, die sagt, sprich weiter. Ich sag dir jedes Wort von den Lippen. Ich kann sagen, was du hören musst – und du merkst es nicht ein mal. Aber so anstrengend ist das doch gar nicht. Also ich – so anstrengend bin ich doch gar nicht – man muss nur gut zuhören. Und jede Bewegung gehört mir. Irgendwann steht dieser Typ neben ihr – sie küssen sich. Sie lächelt noch ein mal – freilich – und geht. Nichtung.

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2 Gedanken zu “verstetigung

  1. @Zeitspiegel Meinst du? Im Zusammenhang empfinde ich den Satz gnadenlos auf dem Punkt. „Rest“ ist ja so ein Wort in der Nähe von Restposten, Abfall, Trümmer, Bruchstücke usw. Das, was nichts weiter ist. Die Geste dieses Satzes kommt mir ziemlich schmerzhaft genau vor. Man sieht geradezu, wie sich der Checker-Blick wieder abwendet … paar Sätze später dann das Mädchen an der Bar mit dem kurzen Rock und den langen Beinen …
    Ansonsten sehr schön, wie im Fluss der Sätze dem Leser nicht so einfach DIE Perspektive geliefert wird. Da schieben sich in die innere Stimme weitere innere Stimmen hinein, so dass ich sie gar nicht wieder auseinander definieren kann. Muss ja auch nicht sein. Da sitzen wir Leser quasi so, wie die Menschen im Café voreinander sitzen, selbst vor dem Text und können nur halb in Verlegenheit, halb aus Befremdetheit nichts sagen … und das ist natürlich hundertmal literarischer als die übliche Beschreibungssprache.

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