unzulänglichkeiten

Auf ich mag dich weiß ich nichts zu sagen. Weil ich eine Aufschreiberin bin. Ich reite es tot, dieses Pferd der Befindlichkeitsprosa – bis ich meine eigenen Gedanken verstehe. Glück sei, nicht mehr nachdenken zu müssen – aber das halte ich für Quatsch. Ich stelle mir diese Seligkeit wie Stillstand vor und dann muss man sterben. Ich sitze an der Theke und frage mich, ob mir der Barkeeper zuzwinkert oder ob er nur Schlupflider hat und der Typ neben mir liest Coelho. Im Hinterraum feiert so eine kleine Besoffene ihren 18. Geburtstag und sie verteilt Meitaikuchen und auch nach mehrfacher Aufforderung lehne ich diese äußerst nette Geste ab. Der Barkeeper zwinkert – und es gibt diesen Stammgast, der die ganze Zeit von der einer Seite des Raumes zu anderen wankt und dabei jedes Mal meinen Rücken streift. Ich frage mich, ob er sich mit mir in ein Café setzen würde und jeder wäre in sein Buch vertieft – dann könnte er, satt an meinem Rücken, den Oberschenkel streifen bis zum Knie – immer wieder, hoch und runter, bis ich es nicht mehr spüre. Mit den Vorderzähnen reibe ich mir die Unterlippe wund, während mir wieder viele Dinge leid tun. Ich mache in meinem Kopf eine Liste. Ich beginne mit: Es tut mir leid, auf der Welt zu sein. Dann streiche ich das sofort wieder – das ist kindisch. Es tut mir leid, dass ich niemanden trösten kann und auch mich nicht. Und nichts tröstet mich mehr, als Hände vergraben in meinem Kopf und ein Kuss auf die wunde Stelle in der Unterlippe. Und als es mir endlich gelingt, das Zittern meiner Hände auf die Beine zu verlegen, fragt der Coelho-Typ, ob ich nervös sei. Beruhig dich mal. Ist gut. Es ist nur so, dass meine Gedanken die Oberfläche meines Körpers sprengen müssen – verstehst du? Und ich bin nur hier, um mich zu beruhigen. Aber er liest wieder. Ich stelle mir vor, wenn man einen Mann mit Vollbart küsst, müsste das ein ähnliches Gefühl sein, wie eine unrasierte Muschi zu küssen. Männerbärte riechen irgendwie immer nach Kaffee. Auf meiner Liste steht: Es tut mir leid, nicht da zu sein und langsam meldet sich mein Magen – Alkohol ertrage ich auch nicht – nichts ertrage ich. Es tut mir leid, nichts ertragen zu können. Die Preise der Drinks steigen exponentiell mit der Zeit und als ich Kaffee bestellen will, sind die Jungs allesamt zu besoffen, um eine Pressstempelkanne zu bedienen – ich mache es mir selbst. Der Stammgast steht jetzt auf der anderen Seite der Bar und ich weiß, dass er mich anschaut – es tut mir leid, dass ich dich nicht anschauen kann. Ich bin zwischen diesem Gefühl, unbedingt deine Zärtlichkeit zu wollen und dich schnell auszulöschen, weil mir alles in dir viel zu nahe ist. Als der Stammgast zum wiederholten Male meinen Rücken streift, frage ich ihn, ob es nicht einfacher wäre, mich anzusprechen – er schaut irritiert. Weil mir dieser Ausbruch totaler Selbstgerechtigkeit peinlich ist, verlasse ich die Bar, nicht ohne eine Rolle Toilettenpapier mitgehen zulassen – es ist mir Zuhause ausgegangen.

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