alles wird gut

Ich nenne es Leben. Die vielen kleinen Geschichten parallel in meinem Kopf. Alles wird gut, wenn das Trimipramin wirkt. Sagen sie. Alles wird gut. Ich stehe in der Wartehalle und die Schizophrenen werden an mir vorbei getragen – ich erkenne sie am leeren Blick. Ich habe immer darauf gewartet, dass dein Blick auch so einfällt, in sich fällt – darauf habe ich gewartet, jeden Tag. Die Ärztin liest mir eine Liste vor – sie ist nett. Ausgeprägte subtile Wahrnehmung – vielschichtige Fantasie und Gedankengänge. Ich brauche keine Liste. Und Phantasie schreibt man mit Ph – so hat es einen schöneren Klang. Ich kann mich noch daran erinnern, als wir uns das erste mal begegnet waren und ich war davon überzeugt, dass du vergeben sein musst – so ein schöner Mensch. Ich habe mir das dann ausgemalt, wie es sein würde, an deiner Hand zu laufen – viele Male. Erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Ich will mir nur ein Rezept abholen, damit alles gut wird. Detailreiche Wahrnehmung. Sie ist in meinem Alter, ein zwei Jahre älter – was deprimierend ist und trägt keinen Ehering – das heitert mich immer auf. Es sind die kleinen Details, die mich aufheitern. Hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen. Wer hat das denn nicht, will ich sie fragen. Wer ist denn nicht so. Aber sie hört mir nicht zu. Ich muss wieder an die Schizophrenen denken – die können auch nicht zuhören. Und die ganzen anderen Psychos auch nicht. Eigentlich kann niemand zuhören. Sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis. Das stimmt nicht – Ha! – Bitch. Ich kann mir gar nichts merken – außer Zitate und auf welcher Seite sie stehen und wann in welchem dummen Buchladen ich mir das Buch gekauft habe und ob es an dem Tag geregnet hat – mein Kopf ist ein Arschloch. Psychosoziale Feinwahrnehmung. Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt. Ich will sie fragen, wo da die Messlatte liegt – ich meine – wie soll ich das wissen? Ich sage ihr, dass ich diesen Katalog für recht fragwürdig halte – aber sie hört mir nicht zu. Sie ist sehr verbissen in ihre Liste – sie hat sie vielleicht selbst geschrieben und ist ein bisschen verliebt in ihre Worte von gestern Nacht. Man verliebt sich ja so schnell in Worte. Stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen. Das wäre ja mal was, wenn ich mich einfach in die Menschen verlieben könnte, die sich in mich verlieben. Sie lacht nicht. Lach doch mal! Oder was ist los? Warum sitzt du da nur so rum, lauscht den Gesprächen aber sagst nichts? Ist alles okay? Sie will schnell ihre Liste runter lesen. Ausgeprägtes intuitives Denken. Dann wäre mir ja früher aufgefallen, dass du mich in deinen Gedichten ständig verurteilst – es ist mir erst vor kurzem aufgefallen – gelegentlich lese ich sie und da war mit einem Mal diese Nuance Verachtung in meine Richtung – ein paar Jahre hat es gedauert, bis ich das begriffen habe. Langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten. Naja. Ohne ironische Brechung geht es nicht. Ich beginne langsam wieder, sie zu mögen, weil sie den ganzen Tag hier sitzt, mit Psychos und Listen vorliest und die ganzen Verrückten wollen nur ihre Tabletten. Denken in größeren Zusammenhängen. Langsam wird das peinlich. Ich will ihr gut zureden. Ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn, Harmoniebedürfnis, Gewissenhaftigkeit. Komm schon – jetzt gib mir was Gutes. Oder schmeiß mich wenigstens raus. Intensives Erleben von Kunst und Musik. Während sie liest, kann ich nur auf ihre Lippen schauen und wie sie langsam in ihrem Mund verschwinden – so stelle ich mir das vor – die verschwinden langsam an den sinnlosen Worten, die sie Tag für Tag über sich ergehen lassen müssen. Ich will doch nur ein Mal solch einen Gedanken zu Ende denken können, ohne dass mich der nächste unterbricht – verstehen Sie das? Perfektionismus. Ich schüttle den Kopf. Meist vielschichtig, komplexe Persönlichkeit. Ich schüttle nur noch den Kopf. Sie und ihre kleine Liste sind fertig. Habe ich überhaupt etwas gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Ich will doch nur ein Mal solch einen Gedanken zu ende denken können – verstehen Sie das? Ich will einschlafen ohne einen Gedanken an meine Steuererklärung zu verschwenden oder die Toten oder Vergessenen oder Rilke und Co und alle, die ich je geliebt habe und warum Augenblick ein schönes Wort ist und dass du mich nicht mehr beachtest und dass ich unter den verschlossenen Augen noch die Farbe deines Geruches sehe, obgleich mich die Unterseite meines Fußes juckt. Sie nickt verständnisvoll. Verständnisvoll nicken – das lernt man als erstes – nicht? Alles wird gut, wenn das Trimipramin wirkt.

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