menschen ohne eigenschaften

Dieses Stück Fleisch und wie es an mir runter hängt, ist wertlos, wenn du es nicht besteigst. Ist wertlos, wenn du es nicht heilig sprichst mit gierigen Lippen. Ich will wertlos sein. Ich will in deinen Augen vergehen – vor wenig Beachtung, wenn du sie beharrlich schließt. Ich bin kein Mensch, wenn ich nicht vergehen kann – vorüber ziehen, wie eine flüchtige Unterhaltung – ein netter Smaltalk an der Ecke. Ich will an deinem Nichts ersticken. Nur ein mal deine Worte wären wahr. Und ich stand in goldenen Schuhen … Ich habe versucht, mich aufzulösen – aber es gelingt mir nicht. Ich habe versucht, Ich zu sein – da zu sein. Aber es gelingt mir nicht. Ich habe versucht, wertlos zu sein – aber es gelingt mir nicht. Die ganzen hübschen Kleider, die du mir gebaut hast, mit deinen Worten und Phantasien – die passen nicht. Ich will jetzt ganz ernst zu dir sprechen – und muss doch lachen, weil es mir selbst ein wenig lächerlich vor kommt – als gäbe es Menschen, die sich finden könnten – als würden wir danach suchen. Der Mensch ist sehr grausam, wenn es ihn langweilt. Wenn er nur aus Langeweile zu mir spricht und weil ich ein zwei Sekunden ein erträglicher Spiegel bin. Ich sitze trotzdem in der S-Bahn und bin genervt, wenn mich der zehntausendste Typ mit leisem Ton fragt: „How are you.“ Ich verurteile dich zum Tode des Unterordnens – wenn ich dich wegwische mit meinem Blick wie Getier. Ich verurteile dich zum Tode. Schweig. Wir haben gut gelernt, Dinge zu sagen – Geplänkel und Koketterien. Wie haben gut gelernt, durch das Leben zu gehen und so zu tun. Wir haben gut gelernt, uns zu verurteilen und schuldig zu sprechen. Das kannst du gut. Sie sagen, ich sei ein Schwärmer – ein Mensch auf leichten Füßen, ins Verliebtsein verliebt. Ich habe dich zu ernst genommen – zu wahr genommen. Zu sehr wahrgenommen. Und dabei ganz vergessen, mich aus diesem Spiel zu nehmen. Ich bin müde. Ich bin müde um den zehntausendsten Typ in der U-Bahn, der mich fragt: „How are you.“ – ich bin müde, um dieses Spielchen, Geplänkel, Koketterie. Das reißt mir jedes bisschen Sein einzeln heraus – abgetragen – jedes verlorene Wort – immer wieder. Ich will wortlos sein. Ich will wertlos sein, wie ich es bin – die vielen Male, wenn dein Wortschwall zum Erliegen kommt, du die Augen schließt. Vor mir. Ja – es ist schwer, Menschen anzublicken. Es ist kein Blinkwinkel, der dir gefällt – oder mir. Wir machen die Augen zu, wie kleine Kinder, und hoffen, niemand sieht uns. Wir sehen uns nicht. Dann kneife ich mich in den Arm. Ich bin ja noch da.

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menschen ohne eigenschaften

Ein Gedanke zu “menschen ohne eigenschaften

  1. Sehr schön diese Verbindung von Fluss und Sprunghaftigkeit. Das hat Stimme. Klang. Es ist beinahe hörbar. Mir kommt es vor, als müsste es gesprochen werden. Ein Monolog in einem Theaterstück? Neulich war da schon was, da dachte ich bei einigen Sätzen an die Frauen bei Godard. Off-voice zu einem Film?

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