mitsein 2.0

Ich mag es, wie du dich an mir versprichst. Wenn dir die Worte hart im Halse stecken bleiben – dann greifst du lieber nach meiner Hand – oder nach meinen Haaren und ziehst daran, bis ich schreie. Ich mag es, wie du keine Worte für mich findest – dann stelle ich mir vor, du lachst – mich aus. Dann könnte ich vielleicht mitlachen. Ich mag die Dinge, die mich kaputt machen. „Das ist jetzt sehr pathetisch.“ und ich nicke emsig. Ich habe gut Nicken gelernt, wenn ich schon gar nicht mehr zuhören kann. Wenn es mir die Sprache verschlägt. Das Beste für mich wäre, wenn du jetzt still bliebest. An deiner Stille kann ich gut leiden. Ich mag es, wie ich alles zwischen den Zeilen heraus picken muss, weil du mir nichts zuwerfen kannst, was ich verstehen könnte. Weil es irgendwo liegen bleibt zwischen dir und mir. Ich mag das Raue in deinem Tonfall, an dem mein Ich so schön abprallen kann. „Wer fragt führt.“ und ich dachte immer, es sei anders herum. Aber das behalte ich im Kopf – ich kann auch Dinge zurück halten – ich muss nicht alles sagen. Dann greifst du nach meiner Hand, wenn ich mich in Rage rede – einfach so. Als könnte ich an meinen eigenen Worten ersticken und müsste aufgehalten werden. Als wäre das Greifen nach meiner Hand ein Mich-zurück-holen auf den Boden der Tatsachen, dass es eigentlich nur um Sex geht und dass es vollkommen irrelevant ist, was ich sage oder tue und ob ich mich jetzt in Rage rede. Mich festhalten, am Tisch halten, zwischen den Beinen halten – damit ich nicht weglaufen kann. Mich an der Hand halten, als gäbe es nur das oder den freien Fall. Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. Das Schlimmste ist ja, dass am Ende dieser Hand einfach nur ein Mensch hängt – mehr nicht. Und ich baumle dann so in der Luft, wenn du mich festhalten willst, weil ich dir so schön schmeichle – wenn du ein paar Zeilen an mich verlierst, damit ich dir gut zureden kann. Ich bin dann dieses Stückchen Trost, dass du mit dem Daumen weg wischen kannst, wenn dir langweilig geworden ist – wenn dir der Mensch an der Hand wieder zu viel geworden ist – zu viel ganz eigenes Dasein. „Du bist jetzt sehr theatralisch.“ Und ich will sagen: Lass doch los. Lass mich fallen. Ich nicke nur. Ja – ich habe noch nie verstanden, warum das Mitsein grundsätzlich die Möglichkeit des Selbstsein bestimmen muss. Also mein Mitsein. Warum mein Mitsein die Möglichkeit deines Selbstsein bestimmen muss, wenn doch jeder Mensch so ganz für sich ist. Fürsorge nennt das Heidegger. Und das Einzige, was uns verbindet, sind diese kurzen Momente an der Hand halten, bevor man fällt.

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