die netten mädchen (11/12)

Du bist ein nettes Mädchen. Ja. Aber ich will nichts kaputt machen. Das ist leicht – denke ich – es ist leicht, Dinge kaputt zu machen – oder Menschen – die kann man leicht kaputt machen. Es ist leicht, mich kaputt zu machen. Ich denke dann an überfahrene Tiere und wie so langsam der Körper Stück für Stück abgetragen wird von den vorbeirauschenden Autos. Das Mädchen sitz vorne am Tisch vor dem Fenster und fühlt sich ein wenig beobachtet – sie dreht den Kopf nach links, nach rechts – ihr Blick durchs ganze Café – da ist niemand. „Wen suchst du?“ fragt er. Sie schüttelt den Kopf. Niemanden. „Ich wollte nur mal schauen, wer hier so ist.“ Wer hier so ist und wen man hier so kennt. Sie kennt niemanden. Sie ist zum ersten Mal hier. Sie sagt: Du kannst mich nicht kaputt machen. Dann erzählt sie mir von ihrem Traum. Sie hatte von mir geträumt. Ich stand unangemeldet vor der Tür, sie wollte mich raus werfen aber ich bin geblieben. Wir haben uns ins Bett gelegt und sie meinte: Du kannst bleiben – ich halte dich im Arm. Aber ich wollte ihr immer wieder in den Schritt – bis sie mich rausgeworfen hat oder ich einfach weggelaufen bin. „Ich glaube nicht an Träume.“ Ich weiß nicht mehr, ob sie das gesagt hat oder ich. Er erinnert sich nicht. Er sagt: Du bist ein nettes Mädchen. Sie kann damit nichts anfangen. Er will wissen, was los ist aber sie krallt nur ihre Nägel in den schicken alten Tisch. „In Berlin ist jetzt alles alt und schick.“ sagt sie irgendwann, um vom Thema abzulenken oder so. „Du redest doch nur mit mir, weil sonst niemand mit dir spricht – um dich abzulenken.“ denke ich. Aber sie sagt es dann auch und ausgesprochen klingen die Worte viel härter als gedacht – so im Denken klingen die Worte ganz anders – dann sind es auch keine Worte sondern mehr so Wolken, die sich so hin und her schieben lassen und noch wenig Bedeutung haben. Aber so ausgesprochen klingt es ganz schön hart und er ist entsetzt. „Wenn ich dich anschaue, kommt mir die ganze Menschheit vor wie in der Geschlossenen Gesellschaft.“ Und wir hassen Sartre. Ihn amüsiert es ein wenig, wie sie sich windet. „Was denkst du?“ fragt er nach einer Weile oder sie. Ich weiß es nicht mehr. „Wenn man die Dinge, die man denkt, ausspricht – dann sind sie lächerlich. Ich kann nicht sagen, dass ich mich hasse – ich kann es nur denken.“ … „Du machst dich lustig über mich.“ Sie will aufstehen und gehen aber das will sie nur – sie tut es nicht. Er will wissen, ob sie gut trösten kann. Sie schüttelt den Kopf. „Ich langweile dich – sobald ich dich tröste.“ und sie zuckt mit den Schultern – also tröste ich dich nicht. „Ich hab mir das Trösten bitter abtrainiert.“ sagt sie und will theatralisch klingen – so als hätte sie schon ein ganz aufregendes Leben hinter sich – als wäre sie viele Male mit den falschen Männern abgestürzt nur um im Hier und Jetzt mit mir an diesem Tisch zu sitzen und mir genau das zu erzählen – mir also genau meine Geschichte zu erzählen oder eben genau das, was ich jetzt hören will – so klingt jedes Wort, welches ihr aus dem Mund fällt, fahl, mehrfach gewendet im Kopf und gut ausgewählt – einfach langweilig. Aber ich kann ihr das nicht sagen – oder? Ich kann ihr das nicht abnehmen. Dann bin ich ein Arschloch. „Das klingt ein wenig langweilig.“ sagt er und sie zuckt zurück. In der Zwischenzeit hatte sie nach seiner Hand gegriffen, hatte ihre Fingerspitzen in kurzen Intervallen an seine gedrückt – immer mit noch ein wenig Luft dazwischen. „Ja. Die netten Mädchen langweilen mich.“

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