marsiliusplatz, der

Ich sitze im Dunkeln. Ich sitze im Dunkeln und rauche. Irgendwann blinkt der Handydisplay – irgendwann endlich: „Leuchten Sie auf!“ – Emma zögert, sieht sich um – im Dunkeln kann sie nichts erkennen. Dann dreht sie den Schalter – klick eins, klick zwei – Autoscheinwerfer grell gegen Wand – es ist zu hell. Ich saß im Dunklen. Ich saß im Dunklen und habe geraucht. Das Radio funktioniert nicht – es ist still. Es funktioniert schon lange nicht mehr. Zuerst ging das Kassettendeck kaputt – ja Kassettendeck. Irgendeine dieser selbst aufgenommenen Kassetten hatte sich entblättert, ausgewickelt, verfangen – seit dem war es stiller. Die Tür geht auf – der kleine Raum füllt sich mit Regen. „Ich wusste nicht, dass Sie – also…darf ich Du sagen?“ – „Oh Gott! Ja bitte!…endlich!“ – „Okay – ich wusste nicht, dass du ein Auto hast. Deshalb also nichts getrunken.“ – „Ich hatte schon immer ein Auto…und ich trinke nicht – also nicht mehr. Das hat nichts mit dem Auto zu tun.“ Es braucht schon diesen Geruch kurz nach einem Regenschauer, dass mich dieser Moment nicht nervt, dachte Emma. Du – ich – Sie. Emma drehte sich eine Zigarette. Er bot ihr eine richtige Zigarette an – er sagte es auch: „Hier – kannst eine richtige Zigarette haben.“ Sie lehnte ab. Sie können auch eine richtige Zigarette haben. Sie – also wir. Sie also wir sitzen im Dunkeln. Emma hatte die Scheinwerfer mittlerweile wieder ausgeschaltet – das Licht störte sie. Und er? Er war wie Herr Lehmann – Nachti Nachti Herr L. … hatte Emma geschrieben … so viele Male. Aber manchmal wusste sie nicht mehr, ob es doch nur Einbildung war – oder Phantasie. Dann dachte sie: Nacht. Zwischen warm und kalt. Sie hat den Bus verpasst, läuft über Dunkel – Felder oder so was. Rand. Das bisschen Rand was diese komischen süddeutschen Kleinstädte einem noch lassen. Rand und Dunkelheit. Läuft – irgendwo zwischen sich und Kleinstadtgrenze in Richtung Neubaugebiet. Die Straße glänzt gegen den dumpfen Himmel – glänzt, weil es den ganzen Tag über Regen gab zwischen sich und Kleinstadtgrenze. Läuft über glitzernden Asphalt – ein wenig verträumt das alles zwischen den dunklen Sträuchern, Feldern – was auch immer – Natur. Aber alles ist gut, so lange man laufen kann – so lange es weiter geht. Also ist das nur Traum? Phantasie – bis du gar nicht dieser Hauch Regengeruch – Entschuldigung: Sind Sie gar nicht dieser Moment Regengeruch zwischen den vier Wänden leuchten Sie auf? Sind Sie das gar nicht? Habe ich Sie verwechselt – womöglich? Verwechselt mit irgendwas in mir drin – mit irgendwas Ähnlichem vielleicht? Irgendwas, was Ihnen ähnelt vielleicht? Aber Emma besinnt sich … das ist nichts. Da hat sich nur wieder ein ganzer Tag veräußert – veräußert an die Welt und wollte nicht mehr sein, als ein wenig Regen in der Nase am Rand entlang. Und jetzt sitzt er neben mir – Herr L. und bietet mir das Du an und eine Zigarette und trägt ein weißes Hemd wie immer und bei weißen Hemden werde ich schwach – warum? Das weiß auch keiner. Und jetzt hat er die Haare anders – also geschnitten überhaupt und sieht eigentlich ganz bürgerlich aus. Aber sie kann ihn nicht anschauen. Sie schaut nur, wenn sonst niemand schaut. Also dreht sie das Licht wieder ab, weil es sie stört. „Ich kannte den Platz gar nicht.“ sagte er „Also nicht mit dem Namen.“ – „Echt? Aber das ist doch der schönste Platz hier!“ – „Hier stehen doch nur Autos…also – es ist ein Parkplatz.“ und er drehte sich zur Sicherheit noch mal um, ins Dunkel – ja – nur Autos, mehr nicht. Er raucht auch – eine und noch eine. Und er fragte, wie ist Berlin und sie antwortete. Und sie fragte, wie ist München und er antwortete – und sie antworteten. „Mir ist München zu clean.“ sagte sie. „Mir ist Berlin zu hip.“ sagte er. Und sie sagt und er sagt. Und so war das schon immer – und sie sagt etwas und er sagt etwas. Und wir könnten doch einfach mal so tun, als würde etwas passieren. Aber das Problem ist, wenn dann wirklich etwas passiert … dann wird es materiell – dann wird es, dann ist es – dann malen die Bewegungen Bilder und diese Bilder, die kann man dann nicht mehr so ohne Weiteres aus dem Kopf schütteln. Und manche Dinge sind einfach schöner, wenn sie nicht sind. „Und warum sitzt er dann gerade neben dir in deinem Auto?“ fragt Lora. Das ist eine berechtigte Frage, denkt Emma, streicht sich über die Lippen, mit oberer Zahnreihe über Unterlippe. Verdammt. Regenduft und glitzernder Asphalt – das ist der Grund. Und weil ich es einfach gerne verstehen würde – also mich, nur mich. Weil ich mich gerne verstehen möchte. Und dich – weil ich gerne mit dir reden würde – also so richtig. Lora lacht. „Bisschen kitschig – eigentlich geht’s doch nur um Sex – also es geht immer nur um Sex.“ Und Emma zuckt die Schultern. „Glaube ich nicht – der war nicht besonders gut.“ Und er erzählt was von München – und so viele Worte am Stück hatte sie ihn noch niemals reden hören. Und es liegt ihr auf den Lippen, einen Witz darüber zu machen – einen Witz, dass er ja tatsächlich sprechen kann, trotz weißem Hemd und neuem Haarschnitt und Filterzigaretten und schönen Lippen und Regenduft und Blicken, nur wenn alle andere weg schauen und komischen Zetteln – daran kann sie sich noch erinnern, an komische Zettel in der Mensa, aber Emma hatte sie weg geworfen. Emma hatte immer wieder alles weg geworfen. Im Sie und ich und du und Herr L. Und nichts davon, nichts davon ist wirklich passiert – das sind nur Gedanken – oder irgendwas. Aber mit den Jahren habe ich sie gesammelt, angesammelt in mir – diese Gedanken. Und all das – all das kam schon als Fragment zur Welt – also Sie Herr L. und Frau E. Und all die Nebendarsteller und Hauptdarsteller und Menschen und Plätze und Emma musste daran denken, wie sie jedes Mal hoch blickte zum Turm der Jesuitenkirche – jedes Mal wenn sie über den Platz lief, fiel ihr Blick auf die Turmspitze – obwohl ihr Zeit immer schon egal war aber sie blickte hoch und jedes Mal musste sie sich daran erinnern, dass auf dem Turm der Jesuitenkirche gar keine Uhr angebracht war. „Weißt du, warum das mein Lieblingsplatz ist? Weil den niemand kennt. Und niemand kennt ihn, weil es eigentlich auch kein Platz ist – du hast ganz recht – es ist nur ein Parkplatz. Aber die Tür hinter uns – dort – das ist der Hinterausgang des Philosophischen Seminars – und manchmal habe ich mich auf die Stufen gesetzt, früher und habe einfach nur die Leute beobachtet, wie sie den Platz überqueren um von A nach B zu kommen – der ganze Platz ist nur Transfer – wirklich sitzen tut hier niemand. Der Platz ist nur als Bewegtes. Und irgendwie dachte ich immer – dieser kleine Platz hier ist das einzig Bewegte in einer Stadt, die mir immer wie Stillstand vor kam.“

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