der typ hinter mir (6/12)

Er – er machte diese Bewegung mit der Hand – mit den Fingern – diese Bewegung um jemanden zu sich zu rufen. Ich beugte mich langsam vor bis unsere Gesichter ganz nah waren und er mich ins Ohr fragte, ob ich den Typen hinter mir, den mit den etwas längeren Haaren, ob ich den gut fände. Ich hatte den Typ hinter mir nicht richtig gesehen, als wir herein kamen – raumsuchend. Als der Typ hinter mir die Kautsch ein wenig frei räumte und mir den Platz anbot, damit ich nicht auf dem vollgeaschten Tisch sitzen musste. Ich hatte kurz meinen Kopf gewendet, nach dem ich saß – aber nur kurz, um ihm noch ein Danke hinterher zu rufen, bevor er dann hinter mir verschwand und mein Blick lag nun mehr auf ihm, mit der rufenden Handbewegung. Der Raum war dunkel in rotorangenen Tönen und die Kautsch lang und weich, dass es nur im halben Liegen irgendwie ging und voll – aufeinander gereiht. Ich zuckte nur mit den Schultern ohne erneut den Kopf zu drehen und er meinte dann noch, dass mich der Typ hinter mir, der mit den etwas längeren Haaren, lange angeschaut hätte. Ja, dachte ich, warum nicht – und ich grinste vielleicht. Er lehnte sich zurück in die Kautsch. Ich dachte, manchmal gibt es diese Momente – diese Momente eben, in denen ein paar Menschen zur selben Zeit irgendwie das gleiche tun – oder das gleiche denken – oder Ähnliches und man tut es dann einfach und irgendwie passt alles – alles ist dann irgendwie gleich, fühlt sich gleich an – fühlt sich überhaupt. Mein Blick ging ein wenig über ihn hinaus – die Kautschreihe entlang – das Geräusch, das Gehäuf – viele, aneinander Passierende. Ich versuchte mir die Gesichter zu merken – durch die Reihe hinweg. Ich dachte, es ist seltsam, dass es manchmal einfach passt – dass manchmal das alles zusammen kommt. Ich konnte den Typ hinter mir, den Typ mit den etwas längeren Haaren, kaum sehen durch die tiefen Töne – Bass und so. Manchmal denke ich, dieses Leben allein – allein zwischen Altbauwänden und Flügeltüren – das ist gar kein Leben – es ist gar kein Leben ohne andere Menschen. Aber dann muss ich grinsen – absurd. Und obwohl er mir ins Ohr rief – gegen die tiefen Töne anrief, verstand ich ihn kaum. Ich verstand sowieso wenig von ihm. Ich wollte mich aber auch nicht umdrehen – ich dachte, wenn ich mich umdrehe und der Typ hinter mir, der Typ mit den etwas längeren Haaren – wenn der mich anschaut im selben Moment, dann müsste ich zumindest kurz zurück schauen oder kurz lächeln – ich könnte vielleicht auch einfach aus dem Fenster blicken – nur kurz – aber warum sollte man sich umdrehen, nur um kurz aus dem Fenster zu blicken – das wäre absurd. Also blieb ich mit dem Rücken zum Fenster, halb liegend in den Raum hinein und versuchte zu verstehen, was mir ins Ohr gerufen wurde. Unsere Beine bewegten sich ein wenig zum Rhythmus – es war unumgänglich. Ich mag das Geräusch – das Rauschen um mich herum. Und ein paar sanfte Klänge aus der Anlage – keine Musik mehr….Und der Schatten der Füße bewegt sich langsam hin und her. Und wenn man Intimität will, muss man Intimität geben – und wenn man sich öffnet, ist man eine Wunde und man erlaubt jedem, da hinein zu greifen. Die Flächen des eigenen Körpers zerstören. Wollen wir uns noch sehen – vielleicht nur auf einen Kaffee – in deiner Küche, in meiner – kurz sehen eben. So Dinge liegen mir im Kopf – quer – wie all die aufgereihten Gesichter und ich versuche, sie mir zu merken durch das Licht – mich zu erinnern aber ich erinnere mich nicht an den Typ hinter mir, der Typ mit den etwas längeren Haaren – ich kann mich nicht erinnern. Es ist seltsam, weil er meinte, ich würde nur ziellose Dinge tun – ich würde die Dinge so in den Tag hinein tun – nach dem gegenwärtigen Empfinden und er könnte das nicht, er bräuchte für alles, was er tut, ein konkretes Ziel – wie eine Aufgabe eben. Und ich dachte, eigentlich passiert nichts im Leben, dass ein Ziel hat – all die Dinge, all dieses sitzen, liegen auf langen Kautschkissen, auf weichen Kautschkissen aufgereiht – all diese Dinge passieren so vor sich hin. Ich musste dann einfach fragen, was denn das Ziel des Abends sei und er meinte, Entspannung. Entspannung gegen Dezibel. Gegen wippendes Knie. Schön. Ich dachte, es sei schön, sich Ziele geben zu können – vielleicht. Vielleicht ist es schön, nicht einfach nur da zu sein. Ich dachte, manchmal passt es einfach – und manchmal auch nicht. Ich dachte, dass alles hat etwas Laues aber ich hätte auch nicht aus dem Fenster schauen können. Ich hielt weiter mein Ohr hin – und fragte ihn, welches Ziel all dieses Reden hätte – aber er grinste nur. Ich grinste auch. Die Musik war laut. Seine linke Hand lag auf seinem Bauch – ein wenig tippten die Finger im Takt. Und ich dachte, wir könnten jetzt auch auf einen Spielplatz gehen – in den höchsten Turm mit Blick auf die Jahrhundertwendehäuser und überall wäre schon längst das Licht erloschen, weil hier nur noch Familien leben…wir würden uns auf diesen Turm stellen und einmal so tun, als wäre Januar mitten im Sommer und er würde kurz ins Dunkle verschwinden, um seine Hand um meinen Knöchel zu legen, um mich ein wenig zu erschrecken, weil ich ihn im Dunklen nicht sehen konnte. Wir hätten beide keinen Tabak dabei und würden nur so die Nasen in das Kühle halten und ein wenig mit den Beinen hin und her wippen. Und ich dachte, wenn Januar mitten im Sommer ist, könnte man auch einfach dort bleiben, im Turm unter freiem Himmel oder so und am nächsten Morgen könnte man eine kleine Notiz hinter lassen – weil man das Schloss aufgebrochen hatte, um ein wenig geschützt zu sein, vor der Witterung und man würde sich dafür entschuldigen. Und alles wäre ganz bleich am nächsten Tag – weil man sich davon schon so viel in die Nacht mit genommen hatte – bleich und roh. Ich dachte, es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die so ihre Nase in den Wind halten können, dass ihnen das leichte Frösteln im milden Januar nichts anhaben könnte. Es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die ihr Ohr so halten können, dass sie sich verstehen. So Ohr gegen Mund. Ich dachte, ich könnte mich jetzt auch umdrehen und aus dem Fenster schauen oder kurz lächeln. Ich dachte, eigentlich ist es egal, in welche Richtung man blutet. Berlin.

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der typ hinter mir (6/12)

5 Gedanken zu “der typ hinter mir (6/12)

  1. Leselouie schreibt:

    Hallo,

    deinen Text fand ich gut. Er war in sich geschlossen, schlüssig, was du denkst und wie es in die Situation verflochten ist, das hat mir gefallen. Kaffee (Kaffe) hast du falsch geschrieben – aber das ist ja eine Kleinigkeit. Einige Gedanken, einige Formulierungen führen mir zu guten Anschlussgedanken. Nur „viele, aneinander Passierende“ das ist für sich eine schöne Formulierung, aber ich finde, sie passt dort nicht herein und wirkt an der Stelle etwas aufgesetzt. Und ganz am Ende dachte ich zuerst. „Ich dachte, eigentlich ist es egal, in welche Richtung man blutet.“ – da habe ich mich gefragt, was das soll, meinte zuerst es passt dort auch nicht hin – aber es passt ja zum sich Öffnen und eine Wunde sein und dann ist es egal in welche Richtung man blutet – gut – schön, macht mich etwas traurig – aber ist es egal?, denke ich – es ist egal, es ist ein gutes Ende – ich bin froh den Text gelesen zu haben. Er ist auch eigenwillig romantisch – der Typ mit den etwas längeren Haaren ist auch eine schöne Kurzbeschreibung – also ein es weckte gute Leseeindrücke – Deine Dezembertexte fand ich unter sich teils sehr ähnlich, sich wiederholend, dadurch etwas langweilig, diesen hier finde ich wieder besser.
    Also gut geschrieben.
    Dein Leselouie

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  2. Hmmm. Ich glaube nicht, dass es nur ein, zwei Menschen gibt, die sich verstehen. Berlin, ja, Berlin ist so unverbindlich. Und sich öffnen, heißt zwar, verwundbar sein, aber nicht automatisch verwundet sein. Berlin lässt kaum Glück zu (spontane These). Aber Menschen, die bewusst in Berlin leben, haben andere Ziele (?)

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    1. Keine Ahnung – das ist nicht meine Meinung – nicht mal mein Empfinden sondern nur ein literarischer Text aus meiner Berlin-Reihe, in der es vor allem um Begegnungen geht. Kannste frei interpretieren. Und ob es nur zwei Menschen gibt die sich verstehen – wäre ja Quatsch…das steht auch nicht im Text.

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      1. Natürlich ist mir klar, dass es sich um einen literarischen Text handelt. Aber meine Perzeption ist eben so.
        Und dieser Satz „Es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die ihr Ohr so halten können, dass sie sich verstehen.“ steht im Text. Meine Perzeption ;-)
        Ich lese in dem Text keine wirkliche Begenung.
        Das ist aber doch das Zeichen guter Literatur, dass sie etwas auslöst, dass nicht unbedingt die Absicht des Autors war.

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