ecce homo (3/12)

Sie dachte, fick mich gegen die Wand. Aber er tat es nicht. Er tat nichts. Sie sagte nichts. Existenz, dachte sie – E X I S T E N Z. Oder fick mich einfach. Sie saß ein paar Zentimeter entfernt – ein paar mehr und zuckte zusammen, als er die Seite umblätterte im sonst geräuschleeren Raum. Vor ein paar Minuten stand sie noch im Bad. Irgendjemand sagte, das Absurde wäre, dass man sich selbst immer schön finde. Der Blick ging zwischen den grünen Augen hin und her – another Bad Hair Day und schnell die verstrubbelten Fussel unter einer Mütze verstecken – heute nicht und Männer finden lange Haare sowieso anziehender. Also lange Haare und ein bisschen Parfüm rein sprühen, damit es schön duftet, wenn man den Zopf dann aufmacht – im richtigen Moment. Der Blick geht hin und her zwischen den grünen Augen. Augenbrauen weg – die roten Stellen mit leichtem Puder bedecken – auf keinen Fall glänzen und scheiße, ich schwitze schon wieder und man sieht die Flecken, also Schwarz nur Schwarz tragen, keine andere Farbe, nie wieder eine andere Farbe tragen alles verbrennen oder einfach in die Schublade stopfen – nur schwarz, damit man die Flecken nicht sieht. Der Blick geht hin und her zwischen den grünen Augen. Augenbrauen weg – und jetzt die roten Flecken und das Pony, das Pony ist kein Pony – es sind nur die Haare vorne eben, die Haare vorne eben vor die Stirn wegen der Pickel – weg – und heute lange Haare. Gelegentlich das Kinn schräg stellen. Die Lippen sind zu dünn – also dünn und nichts sagen also irgendwas glänzendes drauf, damit es feucht aussieht – Assoziation. Keine Wangenknochen. Rote Wangen? Macht man das heute noch? Kindchenschema. Das wichtigste ist der Ausschnitt – und mal ehrlich, es ist doch egal – ich fühl mich wohl, wenn er mir in den Ausschnitt starrt also kleide ich mich, wie ich mich wohl fühle – Brusthügel sichtbar bis eine Fingerkuppe vor der Brustwarze – also schau mir in den Ausschnitt. Gott – bist du scheiße oder was? Also Bauch einziehen – aber das bringt nichts – besser irgendwas anziehen, wo man nichts sieht außer Ausschnitt und wenn man dann erst im Bett ist, ist es auch egal, dann schalte ich das Licht aus und man muss sich nur ein bisschen rhythmisch bewegen, dann passt es schon. Ihr Blick geht zwischen den grünen Augen hin und her. Aber du bist doch ein schöner Mensch – du bist doch innen schön – innen schön – innen schön – innen schön – innen schön – also innen – innere Werte, gute Gedanken – Sprache – Sehen. Scheiße – jetzt ist das Pony verrutsch – weil du dir immer in die Haare greifst. Mir wird schlecht – kau nicht an den Nägeln, das findet er ekelhaft und du schwitzt. Ihr Blick geht zwischen den grünen Augen – grüne Augen mit kleinen gelben Sprenkeln und einem grauen Ring in der Mitte. Die linke Hand liegt noch auf der Schulter gegenüber, drückt den Arm gegen die Brust, gegen den Busen – die Brüste sind in Ordnung – die passen gut in eine Hand und die Nippel sind schön klein – also etwas Schwarzes mit Ausschnitt, was den Bauch verdeckt und die Hüfte und alles andere auch. Parfüm ist wichtig und das wichtigste – ihre linke Hand lag schon auf dem Bauch – küss mir den Hals, küss mir den Hals und entlang des Schlüsselbeins in den Busen – drück die Brüste zusammen – press mich gegen die Wand oder gegen den Tisch oder gegen die Kautsch – aber press mich aus dem Raum, aus diesem Gefüge – so spürbar eben – mich wollend. Du mich wollend. Innere Werte – und der innerste Wert ist da unten, die Muschi und ihre Hand fährt über den Bauch runter – rasiert – alles rasiert ausser ein schmaler Streifen, damit es nicht wie eine Kindermuschi aussieht – sowieso schon alles so nach innen gewendet und wenn ich mit den langen Fingern drüber fahre, spüre ich nichts – nichts – einfach nichts – mit den langen Fingern zwischen den Lippen, zwischen den Lippen mit feuchtem Schimmer und ein Teil davon auf die Lippen oben und in den Nacken – Duftstoffe und Reiz. Dann schau mich an – schau mich an – schau – schau mich an und schau mich mit diesem Blick an – also mit diesem und wenn du mich willst, lächle ich vielleicht noch verlegen – das reicht – so ein Wollen und das einzig Gute ist allein ein guter Wille – also Begehren – also Wollen und Begehren also begehr mich, also die inneren Werte, den inneren Wert und gib dir ein bisschen Mühe dabei – so ein bisschen und lass mich dabei Schreien. Also Schreien – ganz einfach und mit dem Fuß gegen die Heizungsrohre – kein Widerstand. Weil egal – irgendwann ist es vorbei und irgendwo ist dann dieser innere Wert – irgendwo da draußen – irgendwo veräußert. Der Blick geht zwischen den grünen Augen hin und her. „Hast du Lust einen Film zu schauen?“ fragt sie. Er bleibt noch einen Moment zwischen den Zeilen, dann blick er auf. Blättert zwischen Daumen und Zeigefinger die Seiten: „Heute nicht, ich lese das noch fertig.“

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ecce homo (3/12)

3 Gedanken zu “ecce homo (3/12)

  1. Das ist, man kann es nicht anders sagen, großartig! Ein großer „Funken“ Literatur, der wirklich vermuten lässt, dass dein Buch ein Feuerwerk wird. Ganz unabhängig davon, dass du auch über sinnliches schreiben kann, was bei weitem nicht jeder Schriftsteller kann.
    Es ist gut. Sehr gut.

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