Prager Briefe

Und am Ende eines Lebens sind wir all diese Menschen und kennen keinen von ihnen.

Prag also. Die Dissonanz eines Menschen – überhaupt Dissonanzen. Angekommen in Prag über Schienen und dem schleichenden Gefühl eins Vierspänners unter den Füßen, unter den Sitzen – angekommen in Prag und eingereiht in die abgehackten Bewegungen der Touristenschwärme mit hoch gehaltenen Kameras und Blitzgeräten bei über dreißig Grad und Sonnenschein. Es ist ein Kommen und Gehen. Ein Scheiden und oft kein – Wiedersehen. Schreibt Kafka irgendwann um Ende 1900. Zwischen den Gassen und Touristen spürt man dann die Enge – oder man meint sie zu spüren – oder ich ja – Kafka schreibt auch „Wenn ich aber selbst nicht zwischen »man« und »ich« unterscheide, wie darf ich mich dann über die anderen beklagen.“ Ich spüre sie die Enge, nicht nur wegen der Gassen – auch wegen der Touristen, wie sie sich blind treiben lassen, so aneinander gedrückt und schwitzend und weil ich nicht allein unterwegs sein kann – weil ich jeden meiner Gedanken erklären muss, bevor ich ihn endlich aufschreiben kann. Und dann geh ich um die Ecke und plötzlich hängt da einer mitten in die Luft und ich denke: ja – genau das – genau dieses Gefühl – nur so in die Luft zu hängen und sonst nichts. Auf der Brücke dann dieses Gefühl, bei all dem Ramsch – als hätte Kafka das voraus gesehen – bleibt einem ja gar nichts anderes übrig, als sich runter zu stürzen – oder zumindest darüber zu schreiben. Aber ich bin selbst nur einer von ihnen – nur so ein Schaulustiger, den es nach einer Zeit sehnt, die schon lange nicht mehr ist und machen wir uns nichts vor, die es niemals gab – den es nach einer Seele sehnt, nach einer so gequälten Seele – Neugier also und irgendwie egoman. Überhaupt – vor Prag noch dieses Gespräch geführt – Gespräche über den Schriftsteller als Egoman und wie mir das alles egal geworden ist – aber in seinem Blick sehe ich das Verletzte, wie ich Teile seines Charakters genommen habe, wie ein Puzzle – aber die Trennung zwischen Fiktionalem – lassen wir das.

Es stürmt. Ich höre Eels. Direkt neben meinem Fenster fallen die Ziegel vom Dach. Urlaub ist nicht meine Zeit, nicht mein Rhythmus. Um zehn steht Andrej vor dem Hotel – Prag ist seine Stadt und wir bewegen uns galanter durch die engen Gassen, die vor hundert Jahren, vor der Assanierung noch um einiges enger waren – manchmal nicht einmal ein Meter zwischen den Fenstern von einem Haus zu dem anderen. Die Synagogen gehen über ins Rathaus – nichts ist für sich, alles nur Konglomerat – und selbst der Friedhof wächst über seine Mauern hinaus. Kafka schreibt, die Zeit geht rückwärts und er meint die hebräische Uhr. Wir bewegen uns dann von Geschichte zu Geschichte – jetzt Regen und ein zarter Wind umspielt meine Knöchel, wie ich sie so aus dem Fenster strecke. Den ganzen Tag in Kommunikation begriffen, kann ich meine Gedanken nicht ordnen – wir überqueren die Brücke – Menschen – Masse – seltsam, wie eine enge Stadt dann eine solche bleiben muss – als wäre es ihr eingeschrieben. Vielleicht wie in der Strafkolonie und die gerechte Strafe ist das Einschreiben der eigenen Bestimmung mit jedem Touristenschritt auf gekipptem Kopfstein. Wie muss sich Kafka gefühlt haben, als er dann in der Weite und Leere Berlins ankommt. Wir überqueren den Fluss – vorbei an der John Lennon Wand und über ein kleines Brückchen, dessen Geländer übervoll ist von diesen Schlössern, die Liebespaare anbringen – übervoll – hier also auch wieder: Enge. Kein Raum. Kein Nichts. Jede noch so kleine Fläche wird mit Sein gefüllt. Wird mit Sein zugedrückt – erdrückt. Wir laufen dann hoch zum Schloss – Prager Fenstersturz – Panorama und Historie. Langsam spüre ich etwas – aber ich weiß noch nicht, was es wird. Das Licht in dem Hotelzimmer ist zu grell – die gelegentlichen Blitze lassen mich aufschrecken. Sein erdrückt. Das ist wohl der Gedanke, der mir gerade bleibt.

In Prag fliegen die Vögel auch nachts. Etwas hat sie aufgescheucht – sie bilden stroboskopartig bewegte Punkte, wie sie immer und immer wieder von einem Lichtkegel in den nächsten fliegen, orientierungslose Kreise, bis sie dann irgendwann vielleicht auf die Ziegel finden. So auf der Brücke und gegenüber das Schloss hell erleuchtet. Du gehörst nicht zum Schloss. Du gehörst nicht zum Dorf. Du bist Niemand – nein – du bist jemand: Du bist ein Fremder. Prager Briefe also. Prag 3 um genau zu sein und ein kubistisch geformtes Grab mit kleinen Steinen und Münzen – auf einigen Steinen haben sie dann Sätze geschrieben – Kafka, ich werde dich lesen – steht auf einem Stein. Auf dem anderen nur Danke für dein Werk. Es überkommt mich dann – Tränen und schnell schreibe ich auf einem Blatt aus meiner Kladde ein paar Zeilen – ich habe es nämlich endlich begriffen: Ja – vielleicht widert es mich an, mich in diese Heerschar von Schaulustigen einzureihen, wie sie so die Plätze abarbeiten und ihre kleinen Fotos und Videos schießen – ja wirklich – aber: Geist ist nur im Gefäß des Seins – also letztlich des Bewusstseins. Es gibt sie nicht mehr, die Orte, die Kafka kannte – es gibt sie auch nicht mehr, diese Stimmung – sie lässt sich nicht abrufen, nicht in dieser Stadt, denn diese Stadt – mit all ihren Fluten, Bombardements, Assanierungen und nicht zuletzt der Sowjetunion – das alles hat die Stadt überlebt – aber sie musste sich immer und immer wieder neubauen – auf sich selbst versteht sich – also Haus über Haus über Haus – der Schutt, das Alte, dass wonach ich suche, das liegt längst vergraben. Wo Kafka einst einige Jahre am Stück lebte, ist nun ein Haus sowjetischer Manier, in welches nun das Interkontinental eingezogen ist. Absurd. Was ich also spüre und was mich in den letzten Tagen so verwirrt hat, ist das Getrampel – ich spüre, wie es verloren gegangen ist. Aber der Geist bleibt – es bleibt die Größe, so lange sie in mir ist, oder in anderen – eben im Bewusstsein. Es geht nicht um die Orte – Zeit und Raum sind wandelbar – was bleibt – ja – das geschriebene Wort eben und sein Wirken im Geist. Aber es läuft Gefahr im Versuch des Erhalten-wollens verloren zu gehen. Beschreibung eines Kampfes trifft es da sehr gut – einmal das sehen, was Kafka sah, während er an seinem Schreibtisch saß und aus dem Fenster blickte – einmal diesen Blick aus dem Fenster. Es ist dieses unbändige verlangen, durch die Augen der Anderen, des Anderen blicken zu können und letztlich auch sich selbst zu sehen – man sieht sich nicht. Man kann sich nur fühlen – erfühlen und fühlt doch nichts. Prager Briefe also, aber ich habe nichts zu schreiben – nur Schwingungen. Hier bin ich Tourist. Eigentlich nur Touristen – wie in Heidelberg und man kann sich nur zwischen ihnen bewegen, unter ihnen – nur Mitsein – kein Dasein. Heidegger also. Das ist ein wichtiger Punkt. So sitzen im Café ist dann auch schon eine Daseinsform. Es hat Tradition. Mit blankem Oberkörper durch die Altstadtgässchen – Touristen sind ordinär – sie vergessen gerne, dass es auch Menschen gibt, die in dieser Stadt leben. Und vielleicht macht es mich sogar noch traurig, aber nicht traurig genug. Sternschnuppen sind also Momente – ja? Man kann sie nicht erinnern – ja? Tränen also am Grab und rückwärts durchs Museum – erst das Schloss und dann das Leben – Hier beginnt der Roman Das Schloss. Das Schloss und Schlösser an der Brücke – alles überfüllt. Vielleicht ist es auch nur das, was ich sehen will – das schreibt der andere. Ich schreibe nicht. Und ein unglaublich guter Duft und wie ich ihn dann inhaliere so auf die Decke gestreckt – ganz langsam – manchmal zieht ein Hauch rüber und meine Nüstern weiten sich – auch das gibt es nur im Augenblick, nur im Moment und niemals in der Erinnerung. Vielleicht habe ich es nun begriffen – ich suche durch die Erinnerung nach Augenblicken, statt mich auf das Momenthafte einzulassen und irgendwie ist dieses Unterfangen ja zum Scheitern verurteilt. Aber es gibt all diese Orte nicht mehr und das ist das eigentlich Absurde. Ziegel sind vom Dach gefallen – Sturm und Flut und unser Boden – Türme, die von einander weg driften. Die Häuser stehen erst ein mal ein paar Jahre leer, wegen der Statik – auch das Museum bricht unter sich zusammen – es ist eine Stadt im beständigen Verfall – Bahnlinien auf hölzernen Schienen die Stockwerke entlang – Zerfall ist vielleicht auch ein gutes Stichwort – Enge und Zerfall. Dann noch der Aufgehangene – der Hängende. Es sind Figuren wie auf Tarotkarten. Der moderne Mensch bewegt sich auf dem Segway. Ich gebe mein ganzes Geld im Café aus – wie die Bücher. Wie der Kleine bei Sehgers in Marseilles. Ich trinke sogar Wasser im Café – das ist sehr Touristisch. Ich warte auf ein Zeichen aber manche Sätze am Ende eines Briefes verwirren mich vielleicht – ich lasse mich leicht verwirren – wenn ich das Gefühl nicht einschätzen kann. Dann kommen sie aus Blickrichtung. Neben mir der verzweifelte Versuch eines in die Jahre gekommenen Künstlers eine junge Asiatin zu beeindrucken. Die Winkel sind mir nun klarer, seit ich die Innenhöfe sehen durfte – erinnert mich an das Stadtrandgericht im Prozess – wie so AlteNeue Synagoge ins Rathaus übergeht – wie das Zimmer des Malers dann in das Gericht übergeht – so eben – alles geht ineinander über, nichts steht für sich. Dann seine sanfte, leicht gezwungene Schrift mit den kleinen Ausfällen im K und im S vielleicht. Ein paar Spiegelungen später – mit der Hand schreiben fällt schwer – Gedanken ordnen sich in der Hand auch anders. Aber irgendwie verstehe ich jetzt besser.

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