Loop

Norah zuckt mit den Schultern. „Egal was passiert – ich komme immer wieder auf dieses gleiche schwere Moment.“ Im Rücken das offene Fenster der kleinen Pizzeria – sie kneift die Augen zusammen. Henry bleibt ruhig – „Jetzt sitze ich auch nur hier und warte auf deinen Blick.“ Norahs Fingerspitzen tippeln über den Tisch nach Krümeln suchend. „Momentaufnahme – verstehst du? Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen und dann sitze ich hier und irgendwie drängt sich mir die Frage auf, warum mir nichts bleibt, warum nur immer ich bleibe in diesen Momenten, in diesen kurzen Augenblicken und leer, entleert und alles gegeben dann bleibe.“ Während sie spricht, zieht sich ihr linker Mundwinkel in leichtem Zucken immer wieder nach unten – es hat etwas von einem Schlaganfall. Unter dem Tisch spürt er ihre Beine stark gegen den Boden wippen. „Das war vielleicht absurd – ich saß in der U-Bahn, vor mich hingestarrt, plötzlich greift mir der Typ neben mir ans Bein und während ich total schockiert die Kopfhörer aus den Ohren reiße, um etwas zu sagen, unterbricht er mich sofort und sagt nur knapp »Bitte hören Sie auf zu wippen«.“ Henrys Körper geht durch ein Augenblick Lachen aber Norah ist schon wieder mit den Krümeln auf dem Tisch beschäftigt, mit Schlaganfalllippe im offenen Fenster. „Der Melancholiker ist einsam – das ist gewissermaßen das Fundament – okay.“ sagt sie nach einer Weile „Dann sitze ich plötzlich in diesem Zimmer, bin bereit alles zu geben und jetzt nur noch diese leeren Worte und in mir langsam Hass – verstehst du? Langsam klettert er meine Wände entlang – ja, klettert sie langsam entlang. Auf halbem Weg dann, ist er schon längst zur Verzweiflung mutiert – oder so – und einfach dieser Gedanke, es ist unfair und verdammt Henry – ich will meinen Hasen zurück.“ Wind geht ihr durch die kurzen Haare. Immer wieder durch ihre Worte ein leichtes Zucken im ganzen Körper. „Ist dir kalt?“ fragt Henry. Norah schüttelt nur den Kopf. „Es ist immer und immer wieder die Frage, warum ich es nicht wert bin.“ sagt sie. „Und diese Worte prallen gegen mich – es ist ein ewiges Rennen und immer und immer wieder dagegen rennen – in mir wiederholt sich das beständig und am Ende bleibt immer nur dieses Wertlose in mir und die Erinnerung.“ Norah bemerkt nicht, wie sich der Raum kontinuierlich füllt und das letzte erkaltete Stück Pizza vor ihr, wartet auf ihren Tisch – „Was machst du da immer mit deiner Lippe?“ fragt Henry zwischen das Krümelauflesen und Wind durchs Haar. Norah hebt den Kopf und lächelt leicht. „Irgendwann mal habe ich heraus gefunden, dass diese Bewegung die Tränen aufhält.“ Dann ein kurzer Blick durch den Raum aber es gibt keinen Gegenstand, der ihn auffangen könnte und jeden Krümel hebt sie mit der Fingerspitze über den Tisch zurück auf den Teller, mit dem letzten Stück kalter Pizza. „Und jeder Versuch, weißt du – jeder Versuch Mehr zu sein, scheitert einfach – ja Mehr zu sein, einfach zu sein, einfach dieses Gefühl geborgen zu sein, irgendwo aufgefangen zu sein – ich bleibe dieses Gefäß momenthaftes Entgleisen. Veräußert.“ sagt sie. „Natürlich – mehr als nur dieser kleine liebenswerte Moment, in den man sich dann einhüllt, bis es einem langweilig wird. Das hat ja wirklich einer zu mir gesagt – ich könnte ewig hier mit dir zusammen bleiben, bis mir langweilig wird. Bis ihm langweilig wird, verstehst du?“ Ihre Hände ergreifen fest die Tischplatte bis sie ganz weiß anlaufen. „Am Ende dann immer dieses Arme aufreißen, um sich im eigenen Blut noch lebendig zu fühlen.“ Henry will nach ihren Händen greifen, aber die Bewegung erliegt irgendwo zwischen Wunsch und Abneigung – „Schau mich mal an.“ sagt er und bekommt nur ein verlegenes Lächeln. „Keine Sorge.“ sagt sie. „Hier ist dann die Grenze meiner Ambivalenz – entweder ich entbehre mich jedem Moment der Zweisamkeit und lasse mich von dieser Einsamkeit der Unberührten umhüllen, oder ich gebe mich diesen kleinen Augenblicken hin, die mich dann auch nur leer entlassen. Aber letztlich greifen, kann ich nur diese Einsamkeit.“ Sachte schiebt sie ihm den kalten Pizzarest entgegen. „Essen lässt sich auch nur noch herunterwürgen – willst du?“ aber Henry schüttelt den Kopf. „Zu empfindsam für dieses Spiel, denke ich dann und warum bleibt mir das Echte so vorenthalten – wie kann sich denn etwas zugleich so wahnsinnig gut anfühlen und so gar nicht echt sein?“ Ein paar Tische vor ihnen hatte eine Familie Platz genommen und ein grauer Mischling mit langem Rücken streift mit Nase fest auf den Boden zwischen den Stuhlbeinen hin und her. „Mit jedem weiteren Moment wächst dieses Verlangen, dieses Verlangen den Schmerz einfach raus zu lassen, raus zu holen, an die Oberfläche bringen, denn es ist Schmerz und Schmerz und Schmerz, es sind einfach nur diese Moment von Schmerz und ein Moment gibt dem nächsten die Hand und wieder und wieder und es bleibt die ewige Wiederkehr des Gleichen – ich hasse Nietzsche und ich hasse diese Menschen, die mir das antun, die mich immer nur für einen Moment nehmen, um mich dann weg zu werfen.“ Norah zuckt über Windhauch durch Haar. „Schau mal – der Hund hat mir vor die Füße gekotzt.“

aus Kapitel 12
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